Architektur

Aus purer Neugier zum eigenen Loft

In der Alten Mälzerei Pankow hat Softwareentwickler Daniel Prusseit gefunden, was er nie zu träumen gewagt hatte

Die Zinnen und Türme der Alten Mälzerei regen die Fantasie der Passanten an. Das Industriedenkmal, in dem in den vergangenen vier Jahren 140 Wohnungen entstanden sind, gleicht einem wach geküssten Märchenschloss. Die letzte Wohnung, ein repräsentatives Dachgeschoss mit Turm und Terrasse, wird gerade fertiggestellt.

Einer der Bewohner, der dem Gebäude neues Leben einhaucht, ist Daniel Prusseit. Als sich der 32-Jährige vor vier Jahren das erste Mal eine Musterwohnung ansah, verschwendete er noch keinen Gedanken an Immobilieneigentum. Er war einfach neugierig, was sich hinter den Mauern der 130 Jahre alten Ruine verbarg, die in seiner Nachbarschaft immerhin seit 17 Jahren leer stand. Natürlich hatte auch er schon von den heimlichen Partys gehört, die Punks in den alten Lagerhallen feierten, von Romantikern, die sich vom Dach den Mond ansahen.

Zu dem Projekt gehörte Mut

Viele Investoren hatten hier ihre Träume geträumt, zum Beispiel von einem Multiplexkino, einem Kulturhaus, einer Bibliothek. Am Ende wurden alle Pläne wieder verworfen. Zu schwierig schien der Umbau des 12 000 Quadratmeter großen Areals an der Schönholzer Straße unter den Denkmalschutzauflagen.

Der Nürnberger Projektentwickler Terraplan fasste schließlich doch die nötige Portion Mut. Immerhin sind Loftwohnungen in Industriearchitektur auf dem Immobilienmarkt sehr gefragt und längst nicht mehr nur eigenwilligen Künstlern vorbehalten. Und dafür, dass sich selbst Brauereien in Wohnraum verwandeln lassen, gibt es genügend Beispiele. Am bekanntesten ist wohl das Viktoria-Quartier in der ehemaligen Schultheiss-Brauerei am Fuße des Kreuzbergs. "Jetzt sollen also auch hier Luxussuiten entstehen, wie ich sie mir sowieso nicht leisten kann, dachte ich damals", sagt Prusseit und steht nun selbst in seiner knapp 100-Quadratmeter-Loftwohnung.

Der Weg in die Musterwohnung führte damals durch einen verfallenen Gang, in dem man sich nur mit Helm und Taschenlampe bewegen konnte. Gerade das beeindruckte Prusseit mehr als die Musterwohnung. Der Reiz bestand für ihn darin, den Umbau mitzugestalten, sich eine Wohnung auszumalen, in der die alten Elemente und der Geist der Mälzerei irgendwie erhalten bleiben sollten. "Ich ließ mir alles durchrechnen und entschied mich dann für den Kauf einer Wohnung", sagt er. Der Quadratmeter habe vor vier Jahren 3100 Euro gekostet. Heute würden vergleichbare Wohnungen schon in Pankow für 3500 Euro und mehr pro Quadratmeter gehandelt. Der große Pluspunkt sei die Denkmalabschreibung. Dadurch ließen sich je nach Steuersatz bis zur Hälfte des Kaufpreises über die Steuer wieder reinholen, sagt Prusseit.

Vom Tag des Notartermins an wurde das Gebäude zum neuen Spielplatz des Hobbyfotografen. Er dokumentierte den Zustand aller Gebäudeteile und jedes Stadium des Baufortschrittes. "Alle Maschinen standen noch da, als müsste man nur einen Schalter umlegen, um die Mälzerei wieder in Gang zu setzen", erzählt Prusseit noch heute fasziniert.

Seit der Stilllegung 1946 war die Fabrik praktisch unberührt geblieben. Die ältesten Gebäude des Areals gehen auf das Jahr 1874 zurück. Der Begründer der Schultheiss-Brauerei, Richard Roesicke, ließ damals zwischen Mühlen- und Schönholzer Straße eine Malzfabrik errichten. Erst mit zunehmender Industrialisierung wurde die Herstellung des Malzes von den Brauereien getrennt. In Mälzereien wird die Gerste zunächst geweicht, dann zu Malz angekeimt und schließlich beim Darren in hohen Türmen auf Rosten mithilfe von heißer Luft getrocknet.

Früher trocknete hier Gerste

In einem solchen ehemaligen Darrenturm befindet sich die Wohnung von Daniel Prusseit. Dort, wo die Gitterroste waren, auf denen die Gerste trocknete, sind jetzt Zwischendecken. Die Raumhöhe beträgt beachtliche 5,50 Meter. Die Grundfläche ist fast acht mal acht Meter groß. Eine Treppe führt zur Galerie, auf der der Softwareentwickler seinen Arbeits- und Schlafbereich eingerichtet hat. Die freigelegte Klinkerwand an der Fensterfront unterstreicht den Industriecharakter ebenso wie das Metallgeländer an Treppe und Galerie.

Nichts an der Wohnung erinnert an einen Neubau. Der in Potsdam ansässige Architekt Eric van Geisten hat beim Umbau des Denkmals großen Wert darauf gelegt, nicht nur äußerlich, sondern auch im Inneren des Gebäudes so viel wie möglich von der alten Bausubstanz zu erhalten. "Meine Wände zur Nachbarwohnung sind 90 Zentimeter dick, laute Musik ist überhaupt kein Problem", sagt Prusseit. Er hat die Wände mit weißer Kreide geschlämmt, sodass auch hier die Ziegelsteinstruktur sichtbar ist. Für die nötige Wärme sorgt vor allem das Parkett aus Eichenholz. Durch ein französisches Fenster kann Prusseit auf einen Balkon treten.

Fast alle Wohnungen in der Alten Mälzerei verfügen über Balkon oder Terrasse. Eine Fassade musste wegen der historischen Anmutung frei von Balkonen bleiben. Alle Veränderungen in der Gebäudestruktur oder an den Fassaden hat der Architekt für den Betrachter sichtbar gemacht. Dort, wo Gebäudeteile weichen mussten, um Lichthöfe zu schaffen, zeigt lehmfarbener Putz auf der Backsteinfassade die ursprüngliche Struktur.

Durch die freigelegten Rundbögen des ehemaligen Maschinenhauses gelangt man nun von der Mühlenstraße aus auf die sogenannte Piazza. Der Innenhof mit kleinem Amphitheater ist von der Schönholzer Straße über eine Freitreppe zu erreichen.

Sommerfest auf der Piazza

Es besteht eine gute Mischung: Neben Eigentümern wohnen auch zur Hälfte Mieter, Familien mit Kindern in den größeren Wohnungen, die es außer den Lofts gibt. Die Fürst-Donnersmarck-Stiftung hat im Erdgeschoss betreutes Wohnen für Menschen mit Behinderungen eingerichtet. Das Konzept des Quartiers geht auf. Im vergangenen Sommer veranstaltete Terraplan ein Fest im Innenhof, in diesem Jahr organisieren die Anwohner ihr Piazzafest am 25./26. August schon selbst. Die Alte Mälzerei Pankow lädt dazu sogar auch auf Facebook ein.