Karlshorst

Neues Leben im alten Klassenzimmer

In einem ehemaligen Schulgebäude in Karlshorst wohnen mehrere Generationen. In der Gemeinschaft hat jeder seine Aufgabe

"Zusammen leben und sich gegenseitig helfen" - das ist das Motto der Bewohner der ehemaligen Alten Schule Karlshorst. Seit 2007 leben in dem denkmalgeschützten Gebäude, das 15 Jahre leer stand, Jung und Alt unter einem Dach - in einem generationenübergreifenden Wohnprojekt. Die kleine Olivia ist mit ihren zwei Jahren die Jüngste im Bund der 60 Bewohner, die Älteste ist die 75-jährige Rentnerin Margarethe Quoll.

Die Idee aus der alten Schule ein modernes Wohnprojekt mit 21 Wohnungen zu machen, hatte unter anderen auch Peter Weber, Vorstand der Mietergenossenschaft Selbstbau. Unterstützt wurde er dabei vom Land Berlin mit einer Förderung durch die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und der Stiftung Trias.

"Das Echo war immens"

"Mit dem Projekt haben wir zuerst im Bezirk selbst neue Mieter geworben. Wir haben alle angesprochen - junge Familien, ältere Alleinstehende, behinderte Menschen. Einfach alle, die sich vorstellen konnten, gemeinsam in einer ehemaligen Schule zu leben", sagt Weber. Das Echo sei immens gewesen. "Wir haben dann aus den Anfragen eine feste Gruppe ausgewählt, die nach und nach aus vielen Bewerbungen die weiteren Mieter mit ausgesucht hat", erklärt der Projekt-Initiator: "Ein Großteil der Wohnungen war also schon vergeben, bevor der Umbau fertig war".

Die Genossenschaft, die über die Alte Schule hinaus weitere ähnliche Projekte in Berlin verwaltet, bekommt immer wieder Anfragen nach freien Wohnungen. "Die Nachfrage ist groß und steigt immer weiter", erklärt der Vorstand.

Nachbarn kümmern sich

Zum Kernstamm der Mieter in Karlshorst gehören Dorothee und Wolfgang Schmidt. Den Umzug in die Alte Schule bezeichnet die 64-Jährige "als die beste Entscheidung unseres Lebens". Das Paar ist im Jahr 1999 von München nach Berlin gezogen, da Wolfgang Schmidt (70) in Berlin beruflich tätig war. "Wir haben vorher am Tiergarten gewohnt, in einem Haus mit einem immer kaputten Fahrstuhl, und haben schon lange nach einem Projekt wie diesem gesucht", erinnert sich Dorothee Schmidt: "Ich möchte abgesichert sein, falls mein Mann vor mir stirbt." In der Karlshorster Gemeinschaft könne sie auch alleine leben, betont sie glücklich: "Hier kümmern sich die Mieter umeinander." So wie Dorothee Schmidt sich im Gegenzug auch um ihre Nachbarn kümmert.

Soziale Geschichte

"Wenn wir gemeinsam im Garten arbeiten oder andere Aktivitäten ins Haus stehen, wie zum Beispiel der Ausbau unseres Gemeinschaftshäuschens im Garten, bin ich für das Kulinarische zuständig, und mein Mann organisiert, was es zu organisieren gibt", erzählt die 64-Jährige.

Im Laufe der Zeit haben die Mieter die Aufgaben untereinander aufgeteilt. Die jungen und die, die noch gesund und fit sind, packen mit an, und die Älteren, Kranken oder körperlich Behinderten finden andere Möglichkeiten, zu helfen und sich in die Gemeinschaft einzubinden.

Doch ohne Werner Ziebig geht es nicht. Der jung gebliebene 67-Jährige denkt noch nicht ans Aufhören. Er steht voll im Berufsleben - ist als Schauspieler am Berliner Kriminaltheater engagiert und synchronisiert Filme. Quasi nebenbei hat Ziebig die Aufgaben des Hausmeisters für die Alte Schule übernommen und kümmert sich um tropfende Wasserhähne oder kaputte Glühbirnen.

"Es ist toll hier. Das sehen sie doch", sagt er und zeigt auf seine Nachbarn, die im Garten ein neues Beet anlegen. "Die Miete ist günstig, das Grundstück ist mit 5000 Quadratmetern überschaubar, die Genossenschaft ist klein. Es gibt kurze Wege. Alles klappt wunderbar. Es ist eine soziale Geschichte hier."

Schlafen im Lehrerzimmer

Davon profitiert auch Nachbar Bernd Richter (71), der seit einem Unfall im Rollstuhl sitzt. Nach der Reha war klar, dass der Rentner und seine Frau nicht im gemeinsamen Haus in der Uckermark bleiben konnten. "Also haben wir und unsere Kinder, die auch in Berlin leben, nach einer neuen Bleibe gesucht. Wir haben uns viele Projekte und Häuser angeschaut und uns für die Alte Schule Karlshorst entschieden", erinnert sich Richter und ist sichtlich froh über die Entscheidung. "Meine Frau und ich kennen alle Nachbarn. Die Gemeinschaft ist toll", betont er und zählt auf, welche Eigenschaften ein Mieter eines Generationenhauses mitbringen sollte: "Tolerant und kooperativ sollte man sein und Kinder mögen. Man sollte mithelfen und bereit sein, Lösungen für Probleme zu finden."

Doch es ist nicht nur die funktionierende Gemeinschaft, die bei Bernd Richter den Ausschlag gab, in die Alte Schule zu ziehen. "Meine Wohnung ist barrierefrei, und alle Zimmer sind behindertengerecht. Die Flure in der Wohnung wie auch im Haus sind breit und geräumig. Und auch in den Fahrstuhl passe ich mit meinem Rollstuhl ohne Probleme hinein", erklärt er und fügt schmunzelnd an: "Unglaublich, was alles umgebaut wurde. Man erkennt es nicht, aber ich schlafe tatsächlich im ehemaligen Lehrerzimmer."

Schultreppe wurde erhalten

Der Umbau war aufwendig. Die Arbeiten unter Federführung der Berliner Architekten Christian Thommes und Ralf Weißheimer haben ein Jahr gedauert: "Der Sanierungsbedarf war enorm, unter anderem musste der Dachstuhl komplett erneuert werden", sagt Thommes: "Wir haben hier Hand in Hand mit dem Amt für Denkmalpflege gearbeitet. Das galt besonders bei der Fassade, den Fenstern, Treppen und Türen."

So sei eine breite ehemalige Schultreppe vollständig erhalten geblieben. "Die andere durften wir halbieren und haben einen behindertengerechten Fahrstuhl eingebaut", erklärt der Architekt. Ähnlich verhalte es sich mit den Fenstern: "Ein Großteil wurde durch moderne Fenster mit dem vorgegebenen grünen Rahmen ersetzt." Die besten alten Fenster seien recycelt und als Küchen-Fenster eingebaut worden.

Die Räume haben ihre knapp vier Meter hohen Decken behalten. Die ehemaligen Klassenzimmer wurden zu Wohnungen zwischen zwei und vier Zimmern umgestaltet, und dank einer aufwendigen Wärmedämmung mit Silikonplatten und zweifachverglasten Fenstern hat das Gebäude den Standard eines Niedrigenergiehauses. Alle Wohnungen werden mit einer Gasheizung geheizt, die auch für Warmwasser sorgt und im nahen Fahrradschuppen untergebracht ist.

"Priorität hatten die Barrierefreiheit und die Möglichkeit, alle Wohnungen behindertengerecht umzugestalten", betont der Architekt. So seien alle Wohnungen darauf vorbereitet worden, dass bei Bedarf eine Wanne gegen eine barrierefreie Dusche ausgetauscht werden kann oder Griffe entlang der Wände angebracht werden. "So können die Mieter auch noch in den Wohnungen bleiben, wenn sie älter werden", sagt Architekt Christian Thommes.

Für Kerstin Noak hat sich das schon bewährt. Die 53-Jährige lebt erst seit einem Jahr in dem Wohnprojekt und ist dankbar dafür, hier eine Wohnung bekommen zu haben. "Es war purer Zufall", sagt sie: "Ich habe einen der Mieter bei einer Reha kennengelernt und erfahren, dass aufgrund eines Todesfalles eine Wohnung frei geworden ist. Ich habe mich beworben und hatte Glück."

Kerstin Noak ist auf einen Rollator angewiesen und hatte deshalb nach einer behindertengerechten Wohnung gesucht. Mit dem Einzug in die Alte Schule "habe ich viel mehr bekommen", sagt sie. "Ich habe in meiner Wohnung Handläufe und Griffe. Mein Bad ist ebenerdig und behindertengerecht, und meine Nachbarn sind sehr freundliche, liebenswerte Menschen, die gerne helfen", erzählt sie.

Nachrichten für Nachbarn

"Die Mischung ist ideal. Ich kann jederzeit Kontakt haben, aber ich kann auch die Tür schließen und ganz für mich sein", sagt Kerstin Noak. Den Zusammenhalt der Bewohner unterstreicht auch eine Idee der Architekten, die den Charakter der neuen Gemeinschaft widerspiegelt und gleichzeitig an die ursprüngliche Bestimmung des Gebäudes als Schule erinnert: An jeder Wohnungstür sind kleine Tafeln angebracht worden. Die Mieter haben sie selbst gestaltet. Hier können sie mit Kreide Notizen machen oder kleine Botschaften an die anderen Bewohner übermitteln. So steht auf einer Tafel zum Beispiel: "Bin wieder zurück." Und darunter hat ein Nachbar in anderer Schrift seinen kurzen, aber aussagekräftigen Kommentar hinterlassen: "Schön!"