Upcycling

Nostalgie aus Natur

Wenn aus Abfallholz Designermöbel werden, heißt das "Upcycling" - und das hat durchaus Charme

Einst reifte Wein in ihnen, heute wird mit ihnen geschaukelt: Aus alten Weinfässern aus dem italienischen Dorf San Patrignano bei Rimini haben 31 angesagte Designer neben Schaukeln auch Tische, Bänke und Liegen entworfen. Für ihre ungewöhnliche Möbelserie haben sie, wann immer möglich, die Charakteristika der Fässerbestandteile erhalten. So hat etwa Michele De Lucchi aus den gebogenen Rumpfteilen den Tisch "Stave" gemacht, und Angela Missoni hat die Schaukel "Miss Dondola" entworfen.

Wie die Fässer kommt auch anderes Altholz zu neuen Ehren. Wie die Lampe, die mal eine Schiffsplanke war, die Tischplatte, auf der Bauarbeiter in schwindelerregender Höhe standen, und die Kommode, an der sich schon Muscheln im Meer satt fraßen. Vermeintlich wertloses Holz, das irgendwo verrotten sollte, holen sich Designbegeisterte in die Wohnung - "Upcycling" heißt dieser Trend.

Tische aus Bauholz

Der Begriff ist an das "Recycling" angelehnt, sagt Markus Grossmann von Bauholz Design. Wie dabei wird auch beim "Upcycling" altes Material noch einmal genutzt - und aufgewertet. Müll wird zum Möbel, und die spannende Herkunftsgeschichte liefern die Designer gleich mit.

Luna Design etwa sammelt auf einer Farm nördlich von Kapstadt altes Holz von Schiffsdecks, Fensterrahmen oder aussortierten Möbeln. Es wird getrocknet und dann zu Bilderrahmen verarbeitet - jeder aus einer anderen Holzsorte, manche mit mehr, andere mit weniger Lackspuren aus dem früheren Leben. Bei Bauholz Design kommen alte Baugerüste zu neuen Ehren: "Ihr Holz liegt bei Gerüstbauern in Deutschland einfach herum, wir sammeln es ein und verwerten es weiter", sagt Markus Grossmann. So entstehen Tische, Bücherregale und dekorative Holzstelen. Und die mannshohen Lampen von Thielemeyer sind einst als Planken von Schiffen über die Wellen geritten.

Der italienische Hersteller Riva verwendet Pfähle, die jahrelang im Salzwasser der Lagune von Venedig von Weichtieren angefressen wurden. Nach fünf bis zehn Jahren sei das Eichenholz so korrodiert, dass es ausgetauscht werden müsse - und dann schlägt seine Stunde als Tisch oder Hocker. Riva ließ bekannte Designer eine Kollektion entwickeln: Einen Glastisch, in dem die Pfähle als Beine so angeordnet sind, wie sie aus dem Wasser ragen könnten. Oder eine Kommode, mit den perfekt runden Fraßlöchern der Muscheln an der Front.

Manchmal müssen die Designer auch unter die Erde gehen, um an wertvolles Holz zu kommen: Der Kauri-Baum in Neuseeland darf nur zu rituellen Zwecken gefällt werden. In den Sümpfen des Landes sind aber uralte Kauris vergraben und konserviert. Riva lässt sie ausgraben.

Abnutzungserscheinungen? Wurmlöcher? Und vor allem Faulfraß im Wohnraum? Warum ist das beliebt? "Die Menschen empfinden etwas Nostalgisches und Wertiges an diesen Hölzern", sagt Ursula Geismann vom Verband der Deutschen Möbelindustrie (VDM). Aber natürlich spiele auch die Umwelt eine Rolle: "Werkstoffe werden nicht einfach weggeschmissen, sondern weiterverwendet."

Doch nicht immer sei das Holz auch so alt und habe so einen ungewöhnlichen Lebenslauf, wie die Firmen versprechen. "Ich habe manchmal das Gefühl, dass nicht jedes Holz auch wirklich alt ist", sagt Branchenkennerin Geismann. "Der Verbraucher darf sich nicht veräppeln lassen" - doch Altes lasse sich von Neuem, das auf alt getrimmt wurde, nicht unterscheiden. Hier müsse ein Händler das Stück und den Lebenslauf des Materials gut erläutern können. Und das sei ja auch im Interesse der ausgesuchten Zielgruppe dieser Möbel - der Designliebhaber und Möbelsammler.

Eichenstamm als Hocker

Der Trend zu einem Mehr an Natur gilt jedenfalls bereits seit einigen Jahren: Die Oberflächen sind rau und nicht geschliffen. Risse, kleine Löcher und sonstige Fehler im Material wie Astlöcher werden nicht nur gelassen, sondern auch künstlich nachgearbeitet. Oder man stellt sich einfach einen Holzklotz in den Raum: Vitamin Design hat etwa "Klotz" im Angebot, ein aus einem Eichenstamm gehauenen Hocker mit Astlöchern und Rissen, der wahlweise als Beistelltisch genutzt werden kann.