Architektur

Neubau nach altem Vorbild

Für Michaela und Jochen Treitel stand von Anfang an fest, dass sie kein modernes Haus wollten. Am liebsten hätten sie ein Gründerzeithaus zum Renovieren gefunden. Aber stattdessen entdeckten sie ein wunderschönes Grundstück in der Nähe von Berlin, das sie lange einfach nur "den Garten" nannten.

In der alten Datsche des Vorbesitzers verbrachten sie mit ihren beiden Söhnen die Wochenenden, und dann entstand mit viel Liebe zum Detail ein Haus nach altem Vorbild und unter Einsatz historischer Baustoffe. Damit wenden sich die Bauherren einer fast vergessenen Tradition zu: der Wiederverwertung alter Türen, Beschläge und anderer Bauelemente.

Türen aus Stade

"Die angesetzte Patina macht einen Teil des Reizes aus", erklärt Michaela Treitel. Als die Planung des Hauses noch in den Anfängen steckte, hatte sie sich zu allererst auf die Suche nach Türen gemacht. Über eine Internetbörse sei sie fündig geworden: "Ich habe meinen Mann mit einem Tagesausflug nach Stade überrascht. Dort haben wir sieben schwere Kassettentüren, inklusive einer großen Flügeltür, ins Auto geladen, einen Kaffee getrunken und sind wieder nach Hause gefahren", erzählt sie. Weitere sechs Türen hat sie in Leipzig gefunden und eine bei einem Händler für historische Baustoffe in Marwitz, darunter auch eine Tür für die Speisekammer mit einem gut erhaltenen Kassettenschloss.

Alle Türen wurden vom Schreiner aufgearbeitet, mit einem passenden Holzrahmen und neuen Garnituren versehen. "Nachdem wir alle Innentüren hatten, mussten wir das Haus anpassen", sagt Treitel und schmunzelt. Bei einem historischen Nachbau sei eben vieles andersherum. "In einem modernen Haus sind die meisten Elemente standardisiert, bei einem historischen nicht. Da muss man Geduld mitbringen und bereit sein, um die Ecke zu denken."

Charme und Geschichte

Besonderes spannend war die Suche nach der Haustür. "Ich habe Stunden im Internet verbracht und verglichen", erzählt Michaela Treitel. Dann ist sie auf einen Händler für historische Bauelemente auf der Ostalb gestoßen: "Die Tür sah von der Substanz her sehr gut aus, und ich habe sie sofort reserviert." Vor der Zusage wollte sie aber wissen, was die Restaurierung und Ausrüstung mit einem modernen Schloss kosten würde. Denn komplett restaurierte und gedämmte historische Haustüren können gut und gerne 12 000 Euro kosten.

"Ganz so viel wollten wir nicht ausgeben", sagt Treitel. Ein Nachbau kam auch nicht in Frage. "Dem würden der Charme und die Geschichte fehlen." Aber genau darum geht es ihr und ihrem Mann. "Jedes Teil hat seine Geschichte und verliert auch nach Jahren weder an Wert noch an Ästhetik", sagt Jochen Treitel. "Außerdem muss für unsere Türen kein Baum mehr geschlagen werden. Sie haben schon einiges gesehen und sich bewährt."

So sind es die vielen Details, die einen vergessen lassen, dass das Haus erst vor wenigen Monaten fertig gestellt wurde. Schon im Eingangsbereich wird man durch den nach historischem Vorbild gekachelten Boden auf eine Zeitreise geschickt. Auch die Treppe ins Obergeschoss mit ihrem breiten, umlaufenden Podest am Absatz wirkt, als sei sie einem alten Haus entnommen. "Sie ist als Möbel gedacht, nicht einfach als Stiege", erklärt der Hausherr.

Besonders authentisch ist das Gäste-WC geworden, in dem der hohe Spülkasten wie früher mit einer Zugspülung bedient wird und alle Details wie Seifenspender oder Handtuchhalter historisch sind. Während es sonst überall im Haus moderne Lichtschalter gibt, hat das Gäste-WC einen drehbaren Bakelitschalter bekommen. "Wir haben uns da ausgetobt", gibt Treitel zu.

Moderne Elemente

Dass man sich in diesem Haus sofort wohl fühlt, hat nicht nur mit dem Fischgrateichenparkett und den warmen Farben zu tun, sondern auch mit der Raumaufteilung und den Proportionen. "Wir haben uns am goldenen Schnitt orientiert", erklärt Treitel. "Das erzeugt ein Gefühl von Harmonie, und man fühlt sich geerdet."

Trotz aller Anlehnung an historische Vorbilder hat das Haus auch moderne Elemente, die die Zeit überdauern können. So haben die Bauherren bewusst auf Türschwellen verzichtet, eine Fußbodenheizung gewählt und moderne Badezimmer sowie dreifachverglaste Holzfenster eingebaut, die vor allem zum Garten hin sehr großzügig sind.

"Wir haben diesen schönen, großen Garten, den wir durch die Glasfront im Wohn- und Esszimmer bewusst ins Haus holen", sagt Treitel. "Da ist es sinnvoll, das historische Gesicht des Hauses hier moderner zu gestalten, ohne durch die großen Fenster die Balance zu verlieren." Dagegen haben sie in der Küche eine Arbeitsfläche abgesenkt, um die Harmonie der Hausfront nicht durch ein kleineres Küchenfenster zu stören. "Als der Küchenbauer kam, um die Platte anzupassen, hat er gefragt, ob wir saniert oder neu gebaut haben. Das war natürlich ein schönes Kompliment", freut sich Treitel.

Wirklich fertig ist das Haus aber noch nicht. Im Sommer werden die Innentüren weiß gestrichen, und hinterm Haus wird Erde für die Terrasse aufgeschüttet. Und der Garten? Noch sind hier die Reste der Baustelle zu sehen, aber bald soll der Vorgarten gestaltet werden. "So ähnlich wie man es um 1910 gemacht hat", sagt Michaela Treitel, "und trotzdem wird er für die Familie im Hier und Jetzt nutzbar bleiben." So wie das Haus auch.