Klimasolarhaus

Das Energiesparwunder in der City

"Ich sah die Anzeige in der Zeitung und wusste sofort - da muss ich mitmachen." Sabine Sheldon wohnte 20 Jahre lang in ihrem eigenen Haus in dem kleinen Ort Törring im Landkreis Traunstein - bis sie vom "Klimasolarhaus" in Berlin hörte. Jetzt wohnt die 65-Jährige in Friedrichshain in einem der ungewöhnlichsten Häuser des gesamten Bezirks: in einem Passivhaus, das gleichzeitig ein Mehrgenerationenhaus ist. "Für mich war die Entscheidung goldrichtig", sagt sie.

Ganz ähnlich ging es Renate Kruse aus Zehlendorf, die Sabine Sheldon im Gemeinschaftsraum des Klimasolarhauses am Forckenbeckplatz gegenübersitzt. Im Alter von 69 Jahren verabschiedete auch sie sich von einem geruhsamen Leben in den eigenen vier Wänden und zog in die Innenstadt. Sie nahm einen Kredit von der Kreditanstalt für Wiederaufbau auf und investierte in nachhaltiges Wohnen mitten im Stadtzentrum.

Idee gegen den Frust

Es sind Lebensentscheidungen, die selten sind. Zwar bringt das Leben in Berlins City Spannung, Abwechslung und kurze Wege mit sich. Doch gleichzeitig bedeutet es oft auch, an verkehrsreichen, lauten Straßen zu wohnen sowie in unzureichend gedämmten Gebäuden einen hohen Heizbedarf und entsprechend hohe Kosten zu haben. Dem Musiker Christoph Hackbart und dem Softwareentwickler Thomas Fiedler jedenfalls wurde dies bald zuviel, und so entstand bereits 2004 die Idee für den Bau eines Passivhauses. Schnell war darüber hinaus klar, das Haus zusammen mit Menschen aus allen Altersgruppen zu bauen.

Bei einem Spaziergang durch Friedrichshain entdeckten Hackbart und Fiedler zufällig ein geeignetes Grundstück. Zwischen zwei Altbauten aus der Gründerzeit standen dort alte Garagen in einer Kriegsbrache, wie sie in Berlin oft zu finden ist.

Der Jüngste ist vier

Die beiden Gründer der Baugruppe fragten zunächst herum, wer Lust hätte, sich an ihrem Bauprojekt zu beteiligen, und um die Fantasie der Interessenten zu beflügeln, beauftragten sie bei einem Architektenbüro eine Vorentwurfsskizze mit einem Bebauungsplan und 19 Wohnungsgrundrissen. Weil ihnen "Passivhaus" zu schlaff vorkam, erfanden sie das "Klimasolarhaus", entwarfen eine Homepage und schalteten Werbeanzeigen. Innerhalb weniger Monate fand sich eine Baugruppe zusammen, deren Mitglieder dem Gedanken eines Mehrgenerationenhauses entsprachen: Familien, Singles, Paare und Senioren.

Gerade für Kinder ohne Geschwister und Großeltern gilt dies als Bereicherung. Und den älteren Bewohnern soll neben dem Erhalt sozialer Kontakte ein möglichst langes Verbleiben in der eigenen Wohnung ermöglicht werden. Um Spekulanten und strategische Investoren fernzuhalten, wurden alle Mitglieder der Baugruppe gefragt, ob sie selbst im Haus leben wollten. Bis heute ist niemand ausgezogen. Das jüngste Gruppenmitglied wurde während der Planung geboren und ist heute vier Jahre alt, das älteste Mitglied ist 76. Der Großteil der Bauherren und -frauen allerdings ist um die 40 Jahre und berufstätig.

Die beiden Hamburger Architekten- und Haustechnikbüros, welche für die Planung des Passivhauses ausgewählt wurden, berücksichtigten neben den Passivhauskriterien auch Barrierefreiheit. Zudem konnten die zukünftigen Bewohner ihre Wünsche etwa zum Verschieben, Einfügen oder Weglassen nicht tragender Wände und zur Lage von Fenstern und Türen einbringen.

Im Februar 2008 wurde dann mit dem Bau an der Bänschstraße im Friedrichshainer Samariterviertel begonnen. Die ersten Bewohner zogen im Mai 2009 in das sechsgeschossige "Klimasolarhaus" mit seinen 19 Wohneinheiten und dem Gemeinschaftsraum im Erdgeschoss ein, das von außen vor allem durch seine asymmetrische Fassade auffällt. Vor- und Rücksprünge des angrenzenden Hausbestandes werden aufgenommen und gleichzeitig mit modernen Mitteln fortgeschrieben. Mehr noch: "Ehemals standen auf unserem Grundstück zwei Häuser. Um dies zu symbolisieren, sind die beiden Haushälften farblich leicht voneinander abgesetzt", erklärt Jörg Meyerhoff, der sich heute um die Öffentlichkeitsarbeit für das Haus kümmert.

Überzeugt vom Passivhaus

"Bis auf ein paar Kleinigkeiten und die üblichen Streits, die entstehen, wenn sich fremde Menschen zusammentun, hat alles funktioniert", zieht Meyerhoff nach zwei Jahren Bilanz. 53 Personen, darunter etwa ein Viertel Kinder und Jugendliche, wohnen im Haus, und das Zusammenleben mehrerer Generationen funktioniert: "Bei uns ist es nicht feste Regel, dass Ältere auf Jüngere aufpassen", sagt Renate Kruse: "Jeder hat immer noch sein eigenes Leben." Nach der Hektik der vergangenen Jahre und nach vielen Diskussionen in der Gruppe sei auch wieder ein wenig Ruhe eingekehrt.

Auch wenn nicht jeder Bewohner bis ins Detail weiß, wie das Passivhaus funktioniert, sind doch alle vom großen Ganzen überzeugt. Das Grundprinzip ist, Wärmeverluste bereits in der Baukonstruktion weitgehend auszuschalten und die Sonneneinstrahlung sowie intern erzeugte Wärme passiv zu nutzen. Dazu verfügt das "Klimasolarhaus" über eine starke, komplette Wärmedämmung und Luftdichtigkeit. Zudem wurden Fenster mit dreifacher Wärmeschutzverglasung und Edelgasfüllung eingebaut, die selbst bei kaltem Wetter an der Innenoberfläche warm bleiben, und das Haus verfügt über eine kontrollierte Wohnraumlüftung mit einem Wärmetauscher.

Diese sorgt stets für frische Luft, entzieht der austretenden Luft Wärme und überträgt sie auf die zugeführte kältere Frischluft. Dadurch werden etwa 90 Prozent der Wärme zurückgewonnen, Schimmelbildung wird vermieden und weitere Energie eingespart. "Sogar Feinstaub und Pollen werden aus der Luft gefiltert, was speziell für Allergiker eine Wohltat ist", betont Meyerhoff.

Durchdachtes Konzept

Auch Renate Kruse, die sich seit 1986, dem Reaktorunglück von Tschernobyl, mit grünen Themen beschäftigt, fühlt sich wegen des bis ins Detail durchdachten Konzepts sehr wohl. Sie dreht sich im Gemeinschaftsraum um und zeigt auf zwei kleine Heizkörper. "Obwohl vor wenigen Tagen die Heizung ausgefallen war, ist das Haus nicht sonderlich ausgekühlt", sagt sie, und Mitbewohner Robert Hill, der sich um die technischen Anlagen kümmert, ergänzt: "Von Mai bis Oktober decken wir etwa 30 bis 40 Prozent unseres Warmwasserbedarfs durch Solarthermiekollektoren auf dem Dach."

In den sonnenarmen Wintermonaten übernimmt eine Holzpellet-Heizung die Warmwasserversorgung und die Heizung, Dusch- und Regenwasser werden zudem in einer Recyclinganlage und in Speichern gesammelt. "Das aufbereitete Brauchwasser wird für die Toilettenspülung verwendet", erklärt Hill. Als Ingenieur mag er die Herausforderung, das Haus möglichst umweltneutral zu betreiben.

Vor allem besticht es durch den geringen Heizwärmeverbrauch von weniger als 1,5 Liter Heizöl je Quadratmeter Wohnfläche und Jahr - das heißt von weniger als 15 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr. "Das ist ungefähr ein Zehntel des Heizwärmebedarfs im durchschnittlichen Wohnungsbestand", sagt Jörg Meyerhoff. Die Heizkosten für eine 100-Quadratmeter-Wohnung belaufen sich im "Klimasolarhaus" nur auf etwa 160 Euro pro Jahr. Das hat schon Besucher aus aller Welt angelockt, die sich das Energiesparwunder ganz genau angeschaut haben.

"Auch als die Heizung ausgefallen war, ist es nicht stark ausgekühlt."

Renate Kruse, Bewohnerin des "Klimasolarhauses"