Fischfabrik

Wohnen in der Räucherkammer

Wo einst Fische verarbeitet und verpackt wurden, leben heute zehn Familien. Die ehemalige Fischfabrik Steinke in Berlin-Weißensee ist ein schönes Beispiel für die gelungene Revitalisierung eines heruntergekommenen Industrieobjekts.

Dabei ging es der heutigen Eigentümergemeinschaft nicht nur um eine stilechte Sanierung, sondern auch um eine möglichst nachhaltige. Herausgekommen ist ein Ensemble mit verschiedenen Grundrissen vom Atelier mit Terrasse bis zu Gartenhäusern und lichtdurchfluteten Dachwohnungen. Ein urbanes Kleinod mit Garten.

"Der Spielplatz im Hof ist unser täglicher Treffpunkt", sagt Volker Badock, der hier mit seiner Frau und drei kleinen Kindern lebt. Die Badocks sind eine der zehn Familien, die nach der etwa einjährigen Umbauzeit Ende 2006 in die sanierte Ruine eingezogen sind. "Man kann sich kaum vorstellen, dass unser Wohnzimmer früher einmal die Räucherkammer war", erzählt er.

Perfekter Kompromiss

Bis in die 50er-Jahre hinein wurde noch Fisch im Werk von Max Steinke verarbeitet. Aber dann kamen die Enteignung und die Umwandlung in einen volkseigenen Lebensmittelbetrieb, der unter anderem Studentenfutter für den Export abpackte. Nach der Wende an die Familie Steinke zurückgegeben, stand der Gebäudekomplex jahrelang leer und verfiel. Ein Sanierungskonzept gab es nicht. Im Dezember 2005 kauften die heutigen Eigentümer das Grundstück und wandelten es mit einem Architekten unter dem Motto "junges Wohnen in alten Wänden" um. "Wer nachmittags auf den Hof schaut, könnte meinen, 50 Prozent der Bewohner hier sind unter zwölf Jahren", lacht Ralf Schindofski, der mit seiner Familie ebenfalls in der alten Fischfabrik lebt.

Unverbauter Blick ins Grün

Für alle Bewohner ist das Haus ein Glücksgriff. "Es ist der perfekte Kompromiss zwischen einem Haus im Grünen und einem City-Loft", sagt Schindofski. "In rund 20 Minuten sind wir mit Rad oder Straßenbahn am Hackeschen Markt." Und die angesagten Cafés und Geschäfte in Prenzlauer Berg und Friedrichshain sind ebenso schnell zu erreichen wie der grüne Gürtel des Umlandes. Im Gegensatz zu anderen Stadtteilen sei Weißensee zudem noch bezahlbar, ein echter Geheimtipp, ergänzt Badock.

Die großzügigen Wohnungen im ehemaligen Hauptgebäude der Fabrik überzeugen mit einer Mischung aus geräumigem, loftartigem Wohnatrium und kleineren Räumen im "Privattrakt". Darüber befinden sich zweigeschossige Dachwohnungen, während die Seitenflügel wie eigenständige Townhouses anmuten. Offene Wohnküchen, preußische Kappendecken und Holzböden charakterisieren alle Einheiten, die zwischen 120 und 180 Quadratmeter groß sind. Außerdem gehört zu jeder Wohnung eine Dach- oder Gartenterrasse. Zu den Highlights zählen aber auch der unverbaute Blick in die parkähnliche Grünanlage, die sich an ihren begrünten Hof anschließt, sowie das Tageslicht, das durch die großzügigen Fenster fällt.

Als es um die Heizanlage ging, diskutierten die Eigentümer verschiedene Alternativen. "Fernwärme stand nicht zur Debatte", erinnert sich Schindofski. "Die Anschlüsse fehlen hier komplett. Und der Pelletofen scheiterte am Lagerraum." Weil auch eine Solaranlage nicht in Frage kam, blieb als Kompromiss ein mit Gas angetriebenes Blockheizkraftwerk, dessen Strom ins städtische Netz gespeist wird. Die Abwärme heizt das Haus.

Ökologisch sinnvoll ist auch der 4000 Liter fassende Regenwassertank im Gemeinschaftsgarten. Das Wasser wird für die Gartenpflege genutzt. Zusätzlich wird sämtliches Brauchwasser durch eine Entkalkungsanlage enthärtet, was die Haushaltsgeräte schont und den Waschmittelverbrauch reduziert. Aber was das Leben in der alten Fischfabrik wirklich ausmache, sei die Gemeinschaft, bestätigen alle Bewohner. Mitten in Berlin hätten sie eine echte Oase gefunden.

Hohe soziale Qualität

"Dass wir vor ein paar Jahren für unser Haus einen Preis gewonnen haben, freut mich sehr", sagt Schindofski. Ausgezeichnet wurde nicht nur die behutsame Revitalisierung und Umnutzung des Gebäudes, sondern vor allem die ökologische Sensibilität der Bewohner und die auffallend hohe soziale Qualität der Hausgemeinschaft. "Unser Kontakthof ist schon etwas Besonderes", lacht Volker Badock, während er auf den hauseigenen Spielplatz hinunterschaut, wo sich gerade einige der Kinder am Sandkasten verabredet haben.