Einrichtung

Die Küche zeigt, wer wir sind

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Die moderne Küche ist die Seele der Wohnung. Sie ist Kommunikationszentrale, und sie ist ja auch zum Kochen da. Kochen ist ein Megatrend. Doch das war nicht immer so. Frank Hüther, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Die Moderne Küche e.V. (AMK) aus Mannheim, wirft einen Blick auf die Entwicklungsgeschichte der modernen Küche.

"Die Küche ist stets Spiegelbild der Technik. Die spannende Geschichte der Küche, die Erfindung der ersten Einbauküche in Deutschland, zeigt uns auch die Möglichkeiten für die Zukunft."

Kochen und damit Küchen wurden in der hinter uns liegenden Menschheitsgeschichte aufgrund des notwendigen offenen Feuers als sehr gefährlich eingestuft. Kochstellen waren daher lange Zeit außerhalb der Wohnungen untergebracht. Erst seit dem Mittelalter wurde die Küche in die Wohnung integriert. Einige Burgen hatten schon damals Kaminrohre zum Rauchabzug in ihren dicken Wänden. Erst mit dem vollummauerten Kochherd mit durchlöcherter Eisenplatte, dem sogenannten Castrol-Herd von 1735, wurden das Leben in der Küche und damit das Kochen sicherer. Für diese Herdform benötigte man noch offenes Feuer. Die Brennmaterialien waren in der Regel Holz und später Kohle.

1893: der erste E-Herd

Der Gasherd wurde erst um 1830 in England erfunden. Auf der Weltausstellung 1893 in Chicago wurde ein erster Elektroherd vorgestellt. Nun brach eine neue Ära für die Küchenraumgestaltung an. Aber im gehobenen Bürgertum wurde das Kochen noch lange Zeit dem Dienstpersonal überlassen und die Küche war weit vom Wohnraum entfernt. Qualm und Ruß wollte man sich nicht aussetzen und auch nicht den intensiven Gerüchen des Pökelns und Räucherns von Lebensmitteln. Die Firma Weck erfand um 1900 das Konservieren von Lebensmitteln durch Einkochen in den gleichnamigen Gläsern. Erst um 1960 gehört der Kühlschrank zur Standardausrüstung.

Im Zeitgeist des sachlichen Bauhauses wurde 1926 in Frankfurt am Main die "Frankfurter Küche" vorgestellt. Sie war eine Erfindung der Architektin Margarete Schütte-Lihotzky und gilt als Prototyp der Einbauküche. Auf kleinstem Raum wurden eingebaute Schränke, installierte Geräte und natürlich ein Spülstein untergebracht. All das unter extrem funktionalen Gesichtspunkten. Bis heute dient die erste Einbauküche der Welt daher als Modell für alle rationalen Anbauküchen, wie sie bald von vielen Herstellern übernommen wurden. Sie war eine reine Arbeitsküche mit verbesserten Funktionen zu Lagerhaltung, Kühlung und zum Kochen. Küchen wurden aber immer noch nicht als Wohnraum gesehen. Kochen wurde zentrale Aufgabe der nicht berufstätigen Hausfrau, der man bei der Arbeit nicht zusehen wollte. Die Räume der damaligen Küche waren sehr klein.

Die Essecke der 70er-Jahre

Die Wiederentdeckung der Verbindung von Kochen und Essen erfolgte erst in den 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts. In den Grundrissen der Wohnungen wurden daraufhin langsam die Küchen wieder etwas größer. Immer mehr Frauen wurden berufstätig und wollten daher in den verbleibenden Reststunden nicht unbemerkt und allein in der Küche arbeiten. In den 70er-Jahren gab es in vielen Küchen Essecken, in denen zumindest die Familien zum Frühstück oder Mittagessen zusammen aßen. Das Esszimmer wurde meist sonntags, abends oder mit Gästen genutzt. In dieser Zeit zeichneten sich auch die ersten ernsthaften Designtrends bei Küchen ab.

Die Küche war in der Regel eine sehr funktionale Einbauküche in den damals trendigen Farben und Ausführungen. Seit den frühen 90er-Jahren befindet sich die Küchenplanung auf dem Weg zur modernen Wohnküche. Essen und Kochen sind voll integriert. Frauen und Männer teilen sich zunehmend die Hausarbeit, und gerade bei Männern ist das Interesse am Kochen gestiegen.

Sie sind es möglicherweise auch, die eine neue Generation von High-Tech-Geräten anschaffen. Induktionsherde beispielsweise sind zwar nichts Neues - die elektromagnetische Induktion wurde schon 1831 vom englischen Physiker Michael Faraday entdeckt - doch die Geräte werden immer besser und erschwinglicher. Die Glaskeramikflächen nehmen kaum noch die Hitze auf, die in den Töpfen entsteht, die Weitergabe der elektromagnetischen Wirbelstürme in den Topfboden ist hoch effizient.

Normale Backöfen wiederum werden zunehmend von Dampfbacköfen ersetzt, die das Essen mit bis zu 100 Grad heißem Wasserdampf oder Heißluft bestrahlen. Und zwar nicht kontinuierlich, sondern pulsweitenmoduliert - je nach Gericht. Denn selbstverständlich muss man nicht mehr in ein Kochbuch schauen, um die ideale Garzeit zu ermitteln. Das übernimmt der High-Tech-Ofen. Bei den neueren Geräten muss man nur noch "Rinderschmorbraten" auswählen - und los geht's.

"Bis heute dient die erste Einbauküche der Welt daher als Modell für alle rationalen Anbauküchen"