Remisen

Kleinod an der Kastanienallee

Es fällt an diesem Tag nur wenig Licht in diesen zweiten Hinterhof. Die benachbarten vier- bis fünfstöckigen Mietshäuser werfen große Schatten über den Hof und das kleine Remisen-Ensemble. Darauf angesprochen verweist Architektin Margit Kleibaum, die auf dem Hinterhof steht, jedoch auf das Dezemberwetter und sagt: "Jetzt steht die Sonne tiefer am Horizont. Im Sommer ist aber auch der Hinterhof sehr sonnig."

Mitten in Prenzlauer Berg, an der über den Bezirk hinaus bekannten Kastanienallee, hat ein architektonisches Kleinod den Weg zurück ins Leben gefunden. Auch über 20 Jahre nach der Wende wirken viele Hinterhöfe in Prenzlauer Berg, Mitte und Friedrichshain durch graue Bodenplatten und zugepflasterte Stellflächen noch immer trostlos, zumal im grauen Winterwetter. Zudem sind viele Hinterhäuser nach wie vor nicht saniert. Dass sich auf den Hinterhöfen dennoch manche Überraschung verbirgt, die das ganze Jahr über einen Blick wert ist, zeigt eine Remise, die von der Architektin Margit Kleibaum zusammen mit dem Architekten Hans Kniepkamp saniert wurde.

Vor über zehn Jahren kam die Architektin aus Nordrhein-Westfalen nach Berlin, suchte hier nach ihrem Architekturstudium ihren ersten Job und stieg bei einem Architektenbüro in Kreuzberg ein und hatte ihren ersten Auftrag: Die Sanierung eines alten Remisen-Ensembles in Prenzlauer Berg. Die dortige Hauptremise war als ehemaliges Stallgebäude 1891 zunächst als einzelner Bau am Ende der Parzelle Kastanienallee 21 erstellt worden. Die untergeordneten Nebenremisen folgten 1902 bis 1904. Nach einer Stallnutzung folgte eine gewerbliche Nutzung der Hauptremise durch eine Schlosserei. Die Nebenremisen blieben über Jahrzehnte weiter als Lagerschuppen bestehen - fielen dann aber nach und nach dem Zahn der Zeit anheim.

Von der Ruine zur Remise

"Das war für mich eine große Herausforderung. Die Gebäude sahen aus wie Ruinen. Überall bestanden noch die alten Leitungen und Rohre. Es gab lediglich einen Elektrizitätsanschluss und einen selbst geschweißten Heizofen in der Schlosserei. Bäume wuchsen aus den Dächern. Alles musste von Grund auf saniert werden." sagt Kleibaum. Doch die Aufgabe sollte lohnen, denn gerade Altbaubezirke wie Prenzlauer Berg und Friedrichshain unterlagen in den vergangenen Jahren einem enormen Wandel. Ältere Menschen wohnen hier kaum noch, die Mieten steigen explosionsartig. "Ich wollte daher etwas Altes aus früheren Tagen in unsere Zeit retten", erklärt Kleibaum und nahm die Herausforderung an - zumal es in Berlin heute kaum noch Remisen, also sogenannte Hinterhofgebäude gibt, in denen noch gearbeitet, geschweige denn gewohnt wird.

"Die Sanierung und Modernisierung des Remisen-Ensembles hatte vor allem zum Ziel, die vorhandene Struktur und Bausubstanz zu sichern und die vom Charakter unterschiedlichen Bauten wie Ziegelbau, Putzbau und Fachwerk freizustellen", sagt Kleibaum. Endgültig fertig wurde das dreiteilige Remisen-Ensemble erst im Jahr 2010, denn erst seitdem sind die Nebengebäude zur Vermietung freigegeben. Besonders schön: Die besagte Schlosserei, ein Familienbetrieb, der 1946 gegründet wurde und seit fast 60 Jahren im Gebäude ansässig ist, existiert auch weiterhin, weitergeführt vom Sohn des alten Meisters, der vor vier Jahren verstorben war.

Bleibe für Berlin-Besucher

"Meine Aufgabe bestand daraus, ein altes Gebäude in die moderne Zeit zu übertragen und den originalen Charakter dabei doch zu bewahren", erläutert Kleibaum. Bei einem kleinen Rundgang durch das Remisen-Ensemble zeigt sie, was sie damit meint. So lassen sich die kleinen Nebenremisen - früher waren dort Kutschen untergebracht - für Übernachtungen von Besuchern der Stadt als Gästehäuser mieten.

Die Architektin fordert alle Gäste zunächst auf, sich einmal auf ein Bett zu setzen und die gegenüberliegende Stirnwand des länglichen Raumes mit den Augen zu fixieren. Dabei stellt sich ein Gefühl wie auf hoher See ein, denn alle Wände scheinen in eine andere Richtung zu kippen. "Das Tragwerk wurde in den zurück liegenden Jahrzehnten immer schiefer, da das Haus an einer Seite abgesunken ist", erklärt die Architektin. Mit viel Aufwand hätte man das Haus auch wieder gerade rücken können, setzte stattdessen aber lieber eine Stützkonstruktion aus Stahl unter das alte Fachwerk, um so die Geschichte der Jahrzehnte alten Bausubstanz zu bewahren. "Ziel der Fachwerksanierung war es, dieses Gebäude mit einfachen Mitteln nutzbar zu machen und den Charme des Ensembles zu erhalten", so Kleibaum.

Weiter: Durch die Freistellung der Gebäude konnte die ehemals vorhandene Erschließung in das Obergeschoss der Hauptremise durch eine außen liegende Treppe mit Galerie hergestellt werden. Es entstand ein prägnanter Turmbau. "Im Erdgeschoss des Turmes befindet sich nun der Hausanschlussraum, der alle drei Gebäude versorgt. Technisch wurde der gesamte zweite Hof so neu erschlossen", erklärt Kleibaum. Ein kleines Bad für die linke Nebenremise befindet sich zudem in dem Turm. Im neu entstandenen zweiten Obergeschoss ist ferner ein kleines Refugium mit Blick in eine Baumkrone, einer 100 Jahre alten Linde, entstanden.

Am hinteren Ende des zweiten Hinterhofs steht schließlich das Hauptgebäude des Remisen-Ensembles. Charakterisierend für die Hauptremise ist vor allem der symmetrische Grundriss. Es entstanden vier Einheiten, im Obergeschoss zwei großzügige Wohnungen und im Erdgeschoss zwei Gewerbeeinheiten. Auf einer Seite im Erdgeschoss sitzt die alte Schlosserei Kompisch und führt die alte Tradition fort. "Hier kann jeder herkommen und etwas an seinem Fahrrad oder Kinderwagen reparieren lassen", sagt Kleibaum. Solche Schlossereien und kleinen Gewerke, die für kleines Geld kleine Reparaturarbeiten erledigen und einem Stadtquartier wie Prenzlauer Berg erst seinen Charme gäben, gebe es immer weniger - und müssten daher unbedingt erhalten bleiben.

Wohnen und Arbeiten

Im ersten Stock der Hauptremise wohnt hingegen ein Architekt mit seiner Familie. Andreas Krigar entwirft in seinem Beruf sonst zwar eher Neubauten, liebt es jedoch, in der alten Remise zu wohnen. Freie Oberlichter - sogenannte Sheds - Balkone, fünf bis sechs Meter hohe Decken, eine in den Wohnbereich integrierte Küche und eine große Fensterfront bieten ihm auf einem zweiten Hinterhof mit Blick nach hinten hinaus im Prenzlauer Berg ein Wohngefühl der Freiheit.

Gemeinsam mit der Schlosserei im Erdgeschoss und den zur Vermietung stehenden Gästehäusern der Remise ist damit ein Stück altes, urbanes Leben gerettet und in die Zukunft transportiert worden. "Das alles ist aber vor allem einem zu verdanken, nämlich dem Eigentümer und Architekten Hans Kniekamp, in dessen Auftrag ich die Remise ursprünglich saniert habe", erklärt Kleibaum. Anfänglich als Bauträgermodell geplant, sollte ein Teil der Remise nach der Sanierung weiterverkauft werden um mit dem Geld die restlichen Flächen zu sanieren. "Die angehenden Käufer wünschten eine kostspielige und dem Gebäude nicht entsprechende Dachkonstruktion ohne Rücksicht auf die historische Substanz und den symmetrischen Grundriss", so Architektin Kleibaum. Das Bauträgermodell wurde schnell an den Nagel gehängt denn die Schlosserei würde es dann heute wohl nicht mehr geben. Hans Kniekamp entschloss sich kurzerhand das gesamte Ensemble selbst zu behalten und die Flächen später zu vermieten. Insofern hat sich in Prenzlauer Berg auf dem zweiten Hinterhof an der Kastanienallee nicht nur aus bautechnischer und historischer Sicht, sondern auch auf zwischenmenschlicher Ebene ein kleiner Kreis geschlossen.

Weitere Informationen gibt es unter www.remise-berlin.de .

"Das war für mich eine große Herausforderung. Die Gebäude sahen aus wie Ruinen"

Margit Kleibaum, Architektin