Siedlung

Enge Gemeinschaft mit eigenem Marktplatz

Am Anfang einte sie ein Problem: Ralf Gölling und seine Partner hatten Angst um ihre Bleibe. Weil Alteigentümer nach der politischen Wende Rechte an den Häusern in Schöneiche, Erkner und Umgebung beanspruchten, mussten Gölling und Co. einen Ausweg für ihre Familien finden: 1991 gründeten sie eine Bauherrengesellschaft und bauten sich am südöstlichen Rand Berlins die ökologische Siedlung Landhof in Schöneiche.

"Nach wie vor klappt alles sehr gut. Unsere Gemeinschaft funktioniert, und jeder bringt sich mit ein, wo er kann", sagt Bauingenieur Gölling.

Das ambitionierte Projekt steht seit dem Einzug der ersten von dreizehn Familien im November 1995 Modell für ökologisches, wirtschaftliches und selbstorganisiertes Bauen und hat in den vergangenen Jahren deutschlandweit viele Nachahmer gefunden und Auszeichnungen erhalten. In den meist in Eigenleistung gebauten Holzreihenhäusern der Siedlung leben zwölf der dreizehn Familien bis heute noch in der ursprünglichen Gemeinschaft, auch Ralf Gölling war von Anfang an dabei: "Meine Familie lebt gerne hier. Leider sind drei der sechs Kinder bereits aus dem Haus. Doch sie kommen immer wieder gerne heim."

Der Bau der Siedlung hat einst für Beachtung gesorgt, da die Eigentümer ihre Häuser kostengünstig, ökologisch und zum Großteil in Selbsthilfe gebaut haben. Denn ausreichende finanzielle Ressourcen hatten sie nicht: Bei der Suche nach günstigem Bauland half eine Kirchengemeinde in Schöneiche, erinnert sich Ralf Gölling. Diese suchte eine sinnvolle Verwendung für ein Stück Feldmark am Ortsrand.

Die Kirche hat das Land behalten und es an jeden der Häuslebauer zu einem bescheidenen Beitrag für 75 Jahre verpachtet. Auch bei der Baufinanzierung wurde den Bauherren unter die Arme gegriffen: Zwölf der dreizehn Familien wurden in ein Förderprogramm des Landes Brandenburg aufgenommen. Durch ihre Eigenleistungen und gegenseitiges Helfen sparten die Eigentümer zudem rund 70 000 D-Mark pro Familie. "Unser Architekturbüro hat den Entwurf, die Planung und die Bauleitung übernommen", sagt Ralf Gölling. Als federführender Architekt hat Uwe Schmidtmann die Holzhäuser einst entworfen.

Lehm sorgt für gutes Klima

Dabei spielten ökologische Aspekte eine große Rolle. Deshalb habe sich die Gemeinschaft beim Bau der Dächer beispielsweise für extensiv bepflanzte Gründächer entschieden. Gedämmt wurde mit Isoflock, einem Material aus Altpapier, das ähnlich gut dämmt wie Wolle, aber preiswerter ist. "Anschließend wurden die Häuser mit Lehm verputzt. Auch das schont die Umwelt und das Portemonnaie der Bauherren", sagt Schmidtmann. "Lehm sorgt darüber hinaus für angenehmes Raumklima. Die Luftfeuchtigkeit liegt im Sommer bei 70 Prozent, im Winter bei gut 60 Prozent. Die Heizungsluft wird auch im Winter nicht trocken, und die Dämmung hält die Wärme in den Räumen", erklärt Ralf Gölling.

Ökologisch sind auch ein Müll- und Recycling Sammelplatz, die Komposttoiletten in den Häusern sowie die Schilfbeet-Kläranlage, die auf dem Grundstück angelegt wurde und das Wasser auf natürliche Weise säubert.

Und wie steht es um den Brandschutz? "Natürlich haben wir beim Bau alle baulichen Brandschutzmaßnahmen eingehalten", sagt Gölling und fügt an: "Die Kinder in der Siedlung sind damit aufgewachsen, mit Feuer vorsichtig umzugehen. Meine Familie hat sogar an Weihnachten einen Baum mit echten Kerzen."

Die ersten Enkel spielen

Wurde in Schöneiche anfänglich noch über die Siedlung gestaunt, ist sie mittlerweile zu einer Attraktion geworden. Und auch das Miteinander der Bewohner ist gewachsen. Dafür sorgen auch viele gemeinsame Aktionen. "Zweimal im Jahr wird das Pflanzenbeet der Kläranlage gesäubert, und wer es einrichten kann, hilft selbstverständlich dabei", sagt Gölling und schwärmt von Sommerfesten und Adventsfeiern "an unserem großen Eichentisch auf dem Marktplatz".

Auch die nachwachsende Generation fühlt sich der Siedlung verpflichtet. Von den einst 41 Kindern, die einen eigenen Spielplatz in der Siedlungsmitte haben, sind einige mittlerweile selber Eltern, sagt Ralf Gölling und schmunzelt: "Es ist schön, wieder Stimmern von zwei- und dreijährigen Kindern, ja, Enkelkindern, auf unserem Spielplatz zu hören."