Umbau

Früher Getreidespeicher, heute Wohndomizil

Seit rund elf Jahren leben die Berliner Edda Müller und Florian Profitlich dort, von wo aus andere abwandern - in der Uckermark. Ihr Wohnhaus ist ein alter Getreidespeicher. In der angeschlossenen Wagenremise befindet sich eine Ferienwohnung. Und aus einer Scheune wollen sie unbedingt noch eine Obstkelterei machen.

Noch heute erzählt das große Haus aus Backstein von seiner einstigen Bestimmung. Im ersten Stockwerk und direkt unter dem Dach befinden sich zwei ausgeblichene Holztore. "Sie dienten als Eingänge, wenn die Bauern und Landarbeiter das Getreide mithilfe eines Lastzuges hinaufzogen, um es in den oberen Stockwerken zu lagern", weiß Florian Profitlich. Der 43-Jährige lebt seit elf Jahren mit seiner Frau Edda Müller, 46, in einem ehemaligen Getreidespeicher in Kraatz, einem früheren Gut in der Uckermark, 130 Kilometer nördlich von Berlin. Dort wo früher Weizen, Gerste, oder Roggen überwinterte, "soll schon bald ein offener Wohnbereich mit Küche entstehen", sagt Profitlich.

Was man mit einem 140 Jahre alten und 300 Quadratmeter großen Getreidespeicher samt angeschlossener Wagenremise anfangen soll, davon hatten die Berliner nur eine sehr vage Vorstellung. "Eigentlich träumten wir nur von einem kleinen Wochenendhaus auf dem Land", erinnert sich Edda Müller. Die Cutterin und der Architektur-Fotograf haben zwar noch eine Ein-Zimmerwohnung in Berlin. Ihr Lebensmittelpunkt aber befindet sich längst in der Uckermark.

In dem riesigen Getreidespeicher kann man vor lauter Räumen die Übersicht verlieren. Die meisten der insgesamt elf Zimmer sind saniert. Es gibt ein Wohnzimmer, einen Arbeitsraum, ein Fotoatelier, ein Gästezimmer und ein Fotoarchiv. Dort wo der Putz noch von den Wänden rieselt, suchen Profitlich und Müller nach Nutzungsideen. Dagegen ist die denkmalgerechte Sanierung der einst stark baufälligen Wagenremise, in der inzwischen hinter Backsteinmauern und bodentiefen Rundbogenfenstern Feriengäste übernachten, abgeschlossen. Auch das kürzlich erworbene Siedlerhäuschen auf dem angrenzenden Grundstück richten Müller und Profitlich derzeit nach historischem Vorbild wieder her. Ebenso wie die Scheune, in der die Berliner demnächst Äpfel aus der Region zu Apfelwein keltern wollen.

Als Edda Müller und Florian Profitlich Ende der 1990er-Jahre immer wieder Ausflüge in die Mark Brandenburg unternahmen, war der Traum von einem kleinen Landhaus bereits sehr präsent. Doch die passende Immobilie zu finden, gestaltete sich alles andere als einfach. Die meisten der 50 Häuser, die sie in mehr als vier Jahren besichtigten, "hatten irgendwo einen Pferdefuß", sagt Florian Profitlich. "Meist lagen sie entweder an einer stark befahrenen Durchgangsstraße oder waren ihres ursprünglichen Charmes durch etliche Renovierungen beraubt."

In Kraatz stimmte nicht nur die Immobilie, auch das Umfeld entsprach den Vorstellungen der Wahl-Uckermärker. Zwar hatte der ehemalige Getreidespeicher seine besten Tage hinter sich, "die historische Bausubstanz war jedoch relativ gut erhalten", erinnert sich Profitlich. Und da das Dorf von Norden nur über eine Feldsteinstraße erreichbar ist, hält sich der Autoverkehr in Grenzen. Schließlich kauften Profitlich und Müller den Getreidespeicher und Wagenremise im Winter 2001 für insgesamt 85 000 D-Mark. Ein guter Zeitpunkt: "Zu dieser Jahreszeit sind die Preise für Häuser auf dem Land meist weitaus günstiger", sagt Florian Profitlich.

Dass Kraatz einmal ein typisches Gut war, ist heute nur noch schwer zu erkennen. Das neugotische Gutshaus liegt im Dornröschenschlaf, versteckt hinter dichten, alten Bäumen und unter meterhohem Unkraut. Nur wenige erhaltene Nutzgebäude wie der 1870 erbaute und 1930 zum Bauernhaus umgewandelte Getreidespeicher sind Zeugen dieser Zeit. Der größte Landkreis Deutschlands - größer als das Saarland - mit seiner malerischen Endmoränenlandschaft ist zugleich die am dünnsten besiedelte Region der Bundesrepublik. "Hier gibt es viel Raum und wenig Mensch", sagt Profitlich. Schon allein deshalb ist die Uckermark inzwischen zum Sehnsuchtsort vieler der Stadt überdrüssiger Berliner geworden. Wie Edda Müller und Florian Profitlich erfüllen sich hier immer mehr Städter den Traum eines Landhauses zu relativ geringen Preisen. Allein in Kraatz haben sich seit der Wende rund 20 ehemalige Städter ein Haus zugelegt.

Dass ihr Wohnhaus inzwischen den Status eines Denkmales hat, ist aber auch mit einem handfesten finanziellen Vorteil verbunden: So können die Wahl-Uckermärker "90 Prozent der Sanierungskosten über einen Zeitraum von zehn Jahren steuerlich absetzen", erklärt der gebürtige Westfale. Für den denkmalgerechten Umbau der Remise in eine Ferienwohnung konnte das Ehepaar sogar EU-Fördergelder in Anspruch nehmen.

Die beiden Berliner nahmen die Mühen einer denkmalgerechten Sanierung mit viel Enthusiasmus in Kauf. Statt Baustoffe in Baumärkten zu erwerben, trieb sich Profitlich auf Abrissbaustellen und örtlichen Ziegeleien herum. Denn um die kaputten Ziegel im Mauerwerk seines Hauses zu ersetzen, "benötigten wir intakte und handgestrichene Ziegel aus dem 19. Jahrhundert", berichtet der 43-Jährige, der jetzt etliche Fachbücher über denkmalgerechte Sanierungen und das Bauen mit altbewährten Baustoffen gelesen hat.