Siedlung für Ältere

Beispielhaft: Ein ganzes Dorf nur für Senioren

Renate Kapahnke ist im Alter von 71 Jahren noch einmal umgezogen. Seit April 2010 wohnt die ehemalige Büroangestellte der Bundeswehr in einem schmucken weißen Klinkerbau in der emsländischen Kreisstadt Meppen. "Am Heideweg" heißt das Areal. Dahinter verbirgt sich Deutschlands erstes Seniorendorf.

Einziehen darf nur, wer mindestens 60 Jahre alt oder zu 80 Prozent schwerbehindert ist. Renate Kapahnke durfte "rein". Sie war die erste Bewohnerin. Ein Haus, in dem alles ebenerdig und barrierefrei gebaut wurde, ist jetzt ihre Heimat. Bereut hat sie den Umzug nie, obwohl ihr Ehemann im Oktober nach langer Parkinson-Krankheit im neuen Heim gestorben ist. "Ich bleibe hier", sagt die 72-Jährige.

Josef Wulf freut sich über so viel Standhaftigkeit. Er ist der Vater der Anlage. Der 65-jährige Architekt hatte sich jahrelang Gedanken über passende Wohnformen im Alter gemacht. Irgendwann kam er auf die Idee, einfach die Betroffenen nach ihren Wünschen zu fragen. Bundesweit interviewte er 63 Ältere. "Das war nicht repräsentativ, aber informativ", sagt der Emsländer.

Eigenständig bleiben

Die größte Sehnsucht besteht demzufolge nach Eigenständigkeit. "Senioren wollen auch im hohen Alter noch frei und ungebunden leben", hat er herausgefunden. Der zweite Wunsch hieß "Sicherheit". Wulf sah seine Aufgabe darin, diese Anforderungen zu kombinieren und informierte sich auch über die "Sun Cities" in Florida - noble und abgeschottete Senioren-Wohnparks. "Ich wollte aber keine Sheriffs und keine Schlagbäume."

Also entwickelte er eine Art Sun-City-light-Version. Den Job des Sheriffs übernimmt eine "Kümmerin", statt Schranken erstreckt sich ein großer Erdwall rund um die Siedlung. "Die Kümmerin habe ich so genannt, weil sie sich einfach um alles kümmert", erklärt der Stadtplaner. Sie vermittelt Ärzte und Heimpflegeeinrichtungen, hält Listen von arbeitswilligen Gärtnern und Haushaltshilfen bereit und ist in der Not gleich zur Stelle.

Senioren entscheiden alles

"Hier ist der Senior König. Er entscheidet alles. Das unterscheidet die Anlage von allen anderen Seniorenparks", sagt Wulf. Die älter werdende Gesellschaft dankt es ihm offenbar, denn alle 36 Parzellen sind verkauft. Die Bewohner kommen aus allen Regionen Deutschlands und allen Schichten. "Ich hätte 100 Häuser verkaufen können", so der 65-Jährige. Das zieht Nachahmer an. Mehr als 40 deutsche Bürgermeister waren schon in Meppen, um sich ein Bild zu machen.

Rechts ein Wäldchen, links das örtliche Anglerheim, dahinter ein Wanderweg und der Dortmund-Ems-Kanal: Inmitten dieser Idylle liegt das Seniorendorf. Selbst im Winter wird allerorten gearbeitet. Noch hält Josef Wulf die Zügel in der Hand, verteilt Schlüssel an die Handwerker und schaut nach dem Rechten.

Wenn alles fertig ist - inklusive eigener Bushaltestelle - sollen die Senioren in Eigenregie über das Wohlergehen ihres Dorfes bestimmen. "Geplant ist die Gründung eines Ältestenrats mit einer Art Bürgermeister an der Spitze", erzählt der Initiator. Unter anderem können die Bewohner entscheiden, welche Brötchen in dem noch zu bauenden Gemeinschaftsgebäude verkauft werden, welches Mittagessen und welche Gymnastikkurse dort angeboten werden.

Direkt neben Renate Kapahnke ist Klaus Jakobs mit seiner Ehefrau eingezogen. Der 70-Jährige war einst Lufthansa-Betriebsleiter. "Das Grundkonzept hat uns überzeugt", erzählt er. Außerdem würden 100 barrierefreie Quadratmeter zum Leben im Alter reichen. Rund 200 000 Euro kosten die Häuser am Heideweg. Dennoch wohnen auch Hartz IV-Empfänger hier. "Einige Häuser wurden von Kapitalanlegern gekauft und vermietet, bis irgendwann Eigenbedarf angemeldet wird", erklärt Wulf.

Darum muss sich Renate Kapahnke nicht sorgen, sie ist Eigentümerin. Selbst die alten Kater Punkie und Mickie fühlen sich wohl. "Denen gefällt es auch. Was will ich mehr?", fragt die erste Seniorendorfbewohnerin.