Architektur

Viel Platz auf kleiner Fläche

Ein eigenes Haus mitten in Berlins Mitte. Diesen Traum erfüllte sich Jens Ludloff mit seiner Frau Laura Fogarasi-Ludloff - sie verbanden dies mit dem Experiment, Wohnen und Arbeiten unter einem Dach zu vereinen.

Ihre Vorstellung vom Stadthaus verwirklichten die Architekten auf einem nur 160 Quadratmeter großen Grundstück, das sie als Erbpacht-Land am Rand des ehemaligen Mauerstreifens in der Bernauer Straße erworben haben. "Unser Ziel war Großzügigkeit. Unsere Herausforderung: vier Geschosse mit jeweils nur 65 Quadratmetern Grundfläche", sagt Jens Ludloff. Also 260 qm Wohnen auf nur 160 qm Land.

Entstanden ist ihr sogenanntes Ein-Raum-Haus, in dem alle Orte offen miteinander verbunden sind - eine Freizügigkeit, die möglich wird, weil die Grenze zwischen Beruf und Privatleben, zwischen Job und Freizeit fließend verläuft. "Wir verbinden Wohnen und Arbeiten miteinander. Das funktioniert wunderbar", sagt sie.

Die Raumkomposition strahlt Offenheit aus. "Um alles für verschiedene Nutzungen offen zu halten", sagt die Hausherrin. So hat zum Beispiel das hohe Erdgeschoss einen halb öffentlichen und halb privaten Charakter. Hier finden Besprechungen statt, werden Gäste empfangen, hier kann die vierköpfige Familie aber auch ihre Mahlzeiten einnehmen.

Aus- und Durchblicke

Großzügige Ausblicke gibt es nach vorn zum öffentlichen Weg und durch die Glasfassade zugleich auf den hinteren grünen Bereich des Grundstücks. "So etwas wie Vorhänge brauchen wir nicht, wir wollen an der Öffentlichkeit teilhaben", sagt Jens Ludloff: "Das gilt auch umgekehrt, und genau das macht für uns Stadtleben aus."

Auch für seine Frau Laura sind es vor allem die unterschiedlichen Raumsituationen, die die Faszination dieses Hauses begründen. "Oben bin ich im Gartenzimmer, unten schaue ich auf die Straße, sehe Leute vorübergehen und im Hintergrund die Straßenbahn vorbeifahren. Das ist urbanes Leben", sagt sie.

Wenn im Kamin das Feuer brennt, wirkt das Erdgeschoss sehr intim. Bei einer Beratung hingegen dominiert der öffentliche Charakter. "Dieser Raum kann viele Gesichter haben", erklärt die Hausherrin. So mache es bereits einen Unterschied, an welchem Ende des großen Besprechungstisches man Platz nimmt. Vor dem Kamin oder dort, wo man in beide Richtungen ins Freie schauen kann und der Garten zum Gartenzimmer wird.

Sichtschutz bietet ein in die Erdgeschosszone hineingestellter Raum, der einerseits den Kamin und zur anderen Seite die Speisekammer der offenen Küche birgt. Dieser Körper steht als eigenständiges Element im Raum, ohne die Decke zu erreichen. "Selbst wenn man nicht hinter jede Ecke blicken kann, assoziiert man, wie es dort weitergeht. Damit wird der Raum viel größer empfunden als er tatsächlich ist", sagt Ludloff.

Die Möblierung ist hier, wie im gesamten Haus, sparsam gewählt. "Um Stimmungen zu erzeugen, brauchen wir keine Möbel", sagen die Hausherren: "Das erreichen wir durch Materialwahl, Formen und Farben." So fiel zum Beispiel bei den Wänden die Entscheidung für farbigen Putz und Lärchenholz. "Die Decken wollten wir ursprünglich spachteln und streichen. Dann hat uns der Charme des vor Ort gegossenen Materials so beeindruckt, dass wir uns dagegen entschieden", sagt Laura Fogarasi-Ludloff und zeigt auf die Betondecke, in der die Abdrücke der Holzschalung und das dort eingegossene Herbstlaub ihre Abdrücke hinterlassen haben.

Die eigentlichen Büroräume liegen unterhalb der zentralen Erdgeschossebene und öffnen sich zu einem kleinen Hof. Die Treppe gilt als Promenade des Hauses. Parallel zur Außenwand angeordnet, ermöglicht sie die großzügige Öffnung der Räume. Verschiedene Farbflächen setzen hier Akzente, von Meergrün im Erdgeschoss über das bewusst dunkler gehaltene Aubergine im Kindergeschoss bis zum sich öffnenden Himmelsblau im darüber liegenden Obergeschoss. Als Prinzip gilt dabei: Je weiter man nach oben gelangt, desto privater wird die Atmosphäre.

Rückzug im Obergeschoss

Die erste Etage gehört den beiden Kindern. "Wenn sie Kontakt suchen, sind wir immer in der Nähe. Wenn sie sich zurückziehen wollen, gibt es hier auch Türen, die man zumachen kann", sagt Laura Fogarasi-Ludloff.

Rückzugsmöglichkeit und Intimität bietet auch das Wohnzimmer im Obergeschoss. Die Glasfassade, die vor den eigentlichen Hauskörper gesetzt wurde, ermöglicht Ausblicke auf die Stadt und den Himmel über Berlin. Im angrenzenden Schlafraum schützt ein vorgelagerter Balkon vor Blicken. Zusätzliches Licht und gestalterische Wirkung erhält diese Wohnebene über zwei in die Decke eingelassene, verputzte Kanalschachtköpfe - Fertigteile aus dem Kanalbau. In unterschiedliche Farben getaucht, verleihen sie den Räumen über den Tagesverlauf hinweg wechselnde Stimmungen.

Individualität, die sicherlich auch ihren Preis hat? "Unsere Baukosten lagen nicht über denen herkömmlicher Häuser", sagt Ludloff. Machbar gewesen sei das unter anderem durch eine bewusste Bauweise und Materialauswahl. "Innerhalb unseres Budgets haben wir sehr genau hingeschaut, wofür wir das Geld ausgeben und welche Ideen sich in der Berliner Bauwirtschaft gut und günstig umsetzen lassen", so der Hausherr. So wurden Linoleumböden statt Parkett verlegt. Und die hochgedämmte Nordfassade des Niedrigenergiehauses ist eine Holzständerwand, die Gartenfassade besteht hingegen komplett aus einer Pfosten-Riegelverglasung, die dem Rohbau vorgesetzt wurde.