Wilmersdorf

Wenn man vor Baubeginn die Nachbarn kennt

Wer eine Eigentumswohnung kauft, weiß in der Regel nicht, wer sonst noch so in der Nachbarschaft lebt. Häufig hat man Glück und der Mann oder die Frau nebenan ist ein netter Mensch - mitunter aber auch nicht. Wer seine Nachbarn schon vorab kennenlernen möchte, entscheidet sich immer öfter für eine Baugruppe.

"Man muss Zeit haben und Kompromisse eingehen können und ganz wichtig: Man muss gruppenfähig sein", beschreibt Bernd Drewes, Architekt, die Eigenschaften, die ein Bauherr mitbringen sollte, wenn er in einen Kollektiv baut.

Für Drewes hat das Bauen in Baugruppen viele Vorteile. "Zum einen lernt man seinen Nachbarn in der gesamten Planungs- und Bauphase wirklich intensiv kennen. Man hat mehr Einfluss auf die Qualitätsstandards der eigenen Wohnung wie auch des Gebäudes und die Bauherren sparen Kosten", sagt der Architekt. Damit sind die sogenannten "weichen Kosten" eines Bauträgers wie Vertriebs-, Makler- oder Werbungskosten gemeint, die entfallen. "Und was man hier an Geld sparen kann, wird häufig wieder in mehr Qualität investiert", ergänzt sein Kollege Konrad Paulick.

Mühsame Entscheidungen

Doch wie überall gibt es auch hier nicht nur Vorteile. Der gravierendste Nachteil ist schlichtweg die Zeit. "Viele Entscheidungsprozesse dauern einfach länger, als bei einem Haus von der Stange", erläutern die beiden Architekten. Zusammen mit ihrem Kollegen Wolfgang Zahn begleiten sie das Projekt einer Baugruppe im Berliner Südwesten, das sich nun in der Endphase befindet. Vor über dreieinhalb Jahren haben sich die ersten der mittlerweile 23 Parteien in der Baugruppe organisiert. Seit einigen Monaten ist das Haus fertig und kann bezogen werden. Lediglich im Garten wird noch gewerkelt.

Von der Anfangsphase mit dabei war Marion Laege-Schneider. Für die 60-jährige Sonderpädagogin war der Gemeinschaftsgedanke entscheidend, der Baugruppe beizutreten. "Heute würde ich jedem meiner Nachbarn den Schlüssel in die Hand drücken, um bei mir mal nach der Post oder den Blumen zu schauen", sagt sie und hat viele positive Erfahrungen bei dem "spannenden Prozess" des Hausbaus gemacht. "Ich würde nichts anders machen wollen" sagt sie rückblickend.

Die Bauherren hatten von Anfang an auch einen Musikraum, eine Werkstatt sowie eine Gemeinschaftswohnung, die Besuchern der Eigentümer zur Verfügung gestellt werden kann, und einen gut 2000 Quadratmeter großen gemeinsamen Garten in ihre Planung aufgenommen.

Auch Alexander Lattner (38) hat in der Gruppe mitgebaut. Mit seiner Frau und der einjährigen Tochter Elisabeth zählt er zu den jüngsten Eigentümern. Vor zwei Jahren hat sich die junge Familie entschlossen, der Baugruppe beizutreten. "Hauptsächlich aus praktischen Gründen. Wir wollten mehr Flexibilität und die Bauträgermarge sparen", sagt er und blickt auf die Planungs- und Bauphase zurück. "Es war sehr anstrengend, da viele Entscheidungen basisdemokratisch abgelaufen sind. Damit verbunden war ein großer persönlicher und zeitlicher Aufwand. Doch auf der anderen Seite haben wir in den eigenen vier Wänden die größte Freiheit bei der Gestaltung gehabt, anders als bei einem Haus von der Stange" resümiert er und gibt zu bedenken, dass solche Projekte auch scheitern können.

"Man muss eine Gruppe finden, die zu einem passt. Das kann unter Umständen ein langer Weg sein", erklärt der Familienvater und rät: "Mit entscheidend ob ein Projekt klappt oder nicht, sind die Architekten, die in der Lange sein müssen, ein derart großes Projekt zu managen. Da hatten wir Glück".

Gesicherte Finanzierung

Dennoch wäre es für den Kaufmann nachträglich durchaus hilfreich gewesen, einen Projektmanager als Puffer zu haben, der sich um die Dinge kümmert, die nicht zur Arbeit der Architekten gehören, und alle entlastet. "Das hätte man besser machen können", sagt er. Dieser Meinung ist auch sein Nachbar, Heinz Brandl. Der 58-jährige Landschaftsplaner wollte vom Stadtrand näher an das Stadtzentrum ziehen und ist bei der Suche nach einer Wohnung auf das Projekt aufmerksam geworden und der Gruppe beigetreten. "Ein sogenannter Wegesteuerer, der die Architekten entlastet und sich um die Zeit- und Kostenplanung kümmert, wäre bei dem Projekt unserer Dimension sicherlich von Vorteil gewesen", sagt er. "Häufig ist die Koordination der Gewerke bei uns nicht einfach gewesen." Aber man hätte es gut geschafft und sei als Gemeinschaft gewachsen. Doch mit guter Planung und Koordination allein ist es eben nicht getan.

Denn wie jedes Projekt, konnte auch dieses erst mit einer gesicherten Finanzierung starten. "Um finanzielle Engpässe von Anfang an auszuschließen, haben wir das Bauvorhaben von einem Finanzdienstleistungsbüro begleiten lassen. Dieses hat die Darlehen und Kredite mit jedem Bauherren so abgestimmt, dass die Finanzierung gesichert war und wir mit dem Bauen beginnen konnten", erklärt Konrad Paulick vom Architekten-Team. Daher wurden alle Neumitglieder der Baugruppe vorweg auf ihre Bonität hin überprüft. Zudem sei das Bauvorhaben von Anfang an absolut transparent gewesen. "Das unterscheidet unser Projekt von dem eines Bauträgers. Dort wissen die Bauherren häufig nicht genau, wohin ihr Geld fließt", betont Paulick. Nach dem Ende des Baus regelt das Wohnungseigentümergesetz (WEG) die Dinge rund um die Gemeinschaft der Eigentümer. So bleibt der Gedanke der Transparenz erhalten und die Gemeinschaft kann ungehindert wachsen.