Architektur

98 zukunftstaugliche Quadratmeter

Wer baut, baut fürs Leben. Aber das hört mit 60, 70 oder 80 Jahren noch nicht auf: Was tun, wenn man dann die Treppen nicht mehr schafft und der Einstieg in die Dusche zur Qual wird?

"Die meisten ziehen dann aus - und genau das sollte uns nicht passieren. Wir möchten in unserem Haus alt werden, richtig alt", sagt Ulrich Scheidereiter.

Über 30 Jahre leben Scheidereiter und seine Frau Ilse, beide Mitte 60, bereits in dem denkmalgeschützten Reihenhaus in Johannisthal. Hier sind die Kinder groß geworden, hier ist die Familie verwurzelt. "Mit Pensionsbeginn hatte meine Frau die Idee, das Haus altersgerecht umzubauen", erzählt Ulrich Scheidereiter. Das Paar recherchierte im Internet und schmiedete Pläne. Zusammen mit der freischaffenden Architektin Norgat Hauke wurden aus den Ideen Tatsachen.

"Wir haben das komplette Haus umgebaut, Wände entfernt, gleiche Ebenen geschaffen, Räume vergrößert", resümiert die Architektin: "Das Haus ist mit 98 Quadratmetern Wohnfläche plus 39 qm Keller sehr klein - aber aus meiner Sicht hochaktuell." Die wenigsten Leute wohnen in riesigen Villen, weiß sie: "Viele ziehen im Alter aus, weil sie nicht wissen, wie sie es ihren Bedürfnissen gerecht umbauen können".

Frühzeitig sensibilisieren

Daher ist es das Anliegen der Architektin, Bauherren frühzeitig für das Thema zu sensibilisieren. "Man kann große Umbauten später vermeiden, wenn man schon jetzt erforderliche Bewegungsräume in die Planung mit einbezieht und Vorbereitungen im Rohbau trifft, die beim späteren Umbau genutzt werden können."

Als erstes wurde im Haus der Scheidereiters ein offener Wohn- und Essbereich geschaffen. "Die Familie musiziert gern, wollte aber auch mit Kindern und Enkelkindern gemeinsam an einem großen Tisch sitzen können. Dafür war das alte Wohnzimmer mit seinen 15 Quadratmetern viel zu eng. Nach dem Umbau ist es möglich.", sagt die Architektin.

Danach wurden Bad und Schlafzimmer altersgerecht umgebaut. "Die Räume befinden sich jetzt im ersten Stock und können später auch so möbliert werden, dass sie von einem Rollstuhlfahrer genutzt werden können", erklärt die Fachfrau. Und "die Böden sind barrierefrei". Dazu wurde im Bad eine ebenerdige Dusche mit schwellenfreiem Zugang vom Flur aus eingebaut.

Ein Clou im kleinen Denkmalhaus ist der Mini-Lift von 90 mal 110 Zentimetern Größe. Der wurde von einer Wiesbadener Firma nach Berlin geliefert. Mit dem Fahrstuhl können alle Etagen bis hoch auf den Dachboden problemlos erreicht werden. In diesen Mini-Lift passt später auch mal ein Zimmerrollstuhl.

"Darüber hinaus ist der Fahrstuhl auch jetzt schon ideal", sagt Norgat Hauke. Nicht nur der schwere Wäschekorb kann in den neuen Hauswirtschaftsbereich im Keller gebracht werden, auch der Kontrabass von Ulrich Scheidereiter lässt sich so einfach transportieren. Kostenpunkt für den Lift: gut 25 000 Euro.

Aber "wo wir schon mal dabei waren, unser Haus auf den Kopf zu stellen, haben wir es gleich energetisch optimieren und neu dämmen lassen", sagt Ulrich Scheidereiter. Eine Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung sowie eine Fußbodenheizung wurden eingebaut und sorgen künftig für stabile Energiekosten. Doch nicht alle Ideen sind realisierbar. "Wichtig ist es daher, sich vorab nicht nur klar zu machen, was man möchte, sondern auch zu überlegen, was technisch möglich ist", sagt die Architektin.

Auch im Scheidereiter-Haus konnten nicht alle Ideen umgesetzt werden. Denn alle Umbauten mussten mit dem Denkmalschutzamt abgesprochen werden, schließlich steht die Johannisthaler Reihenhaus-Siedlung aus den 1920er-Jahren unter Schutz. Der Schacht für den Mini-Lift etwa durfte nicht bis in den Dachboden eingebaut werden.

Viel neuer Bewegungsraum

"Weil nicht immer alles geht, machen wir vorab eine Checkliste", sagt die Architektin. Welche körperlichen Behinderungen sind schon vorhanden, welche im Alter noch zu erwarten? Dann sucht man nach Lösungen etwa mit elektrischen Hilfsmitteln wie höhenverstellbaren Küchenmöbeln oder Hubschränken oder mit viel neuem Bewegungsraum

Diese Ideen muss der Architekt bei der Planung berücksichtigen und "eine sterile Krankenhaus-Atmosphäre in privaten Wohnräumen vermeiden", erläutert Norgat Hauke. Schließlich solle der Umbau den Anforderungen von älteren Menschen gerecht werden, die nach wie vor sehr beweglich seien.

Zehn Monate hat der aufwendige Umbau des Hauses in Johannisthal gedauert. Für die Zeit sind Ilse und Ulrich Scheidereiter in eine kleine Wohnung umgezogen.

Und es hat sich für sie gelohnt. "Unser Haus war einst ein Puppenhaus. Heute ist unser Haus wie verwandelt. Es hat viel Licht, Bequemlichkeit. Die Räume sind jetzt großzügig geschnitten", schwärmt Ulrich Scheidereiter. Auch Freunde, Verwandte und Nachbarn sind vom Ergebnis begeistert - und die Enkelkinder, die mit Opa und Oma jetzt barrierefrei im Haus toben können.