Tiere

Spechte werden zum Fassadenkiller

Er ist nur 25 Zentimeter groß und kaum 100 Gramm leicht. Dennoch richtet der Buntspecht gewaltige Schäden an, weil er eine Vorliebe für modern gedämmte Häuserfassaden hat.

Ob Eigenheim oder Mietshaus: Mit seinem kleinen, harten Schnabel hackt der von Vogelkundlern "Dendrocopos major" genannte kleine Kerl in kürzester Zeit gewaltige Löcher in Polystyrolplatten, Mineralwoll-, Flachs-, Hanf- oder auch Zellulosefliese - und macht damit die teuren Bemühungen von Eigentümern zunichte, ihre Häuser nach der aktuellen Energieeinsparverordnung gegen Wärmeverluste abzusichern.

"Wir haben ein Specht-Problem", bestätigt Julian Heiermann, Ornithologe in der Bundeszentrale des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu). Immer öfter fragen dort Hauseigentümer verunsichert an, wie sie hackwütige Vögel daran hindern können, die Fassade ihre Häuser noch weiter zu ruinieren.

"Die Schäden, die diese Tiere verursachen, sind oft immens", sagt Corinna Merzyn vom Verband Privater Bauherren (Berlin). Denn: "Durch die Löcher dringen Regen und Luftfeuchtigkeit in die Dämmstoffe ein." Einmal nass geworden, wird das teure Isoliermaterial dann zur Kältebrücke, die die Wärme aus den Zimmern nach außen leitet.

Für manche Eigentümer, die an ihren Häusern beispielsweise eine alte, vor dem Spechtschnabel sichere Klinkerfassade durch moderne Dämmstoffe mit Putzverkleidung ersetzt haben, werden die Vögel sogar zum existenziellen Problem. "Manche Hausbesitzer stellen geschockt fest, dass die Spechte binnen weniger Wochen eine Investition von 30 000 Euro ruinieren können", weiß Merzyn.

Wie rabiat die Tiere vorgehen, zeigt sich exemplarisch an einem Schulzentrum südlich von Wien: "Dort hat ein einzelner Specht auf einer Fläche von fünf Quadratmetern rund 90 Löcher mit einem Durchmesser von bis zu zehn Zentimetern in die Fassade gehackt", berichtet der Innsbrucker Bausachverständige Michael Hladik, der sich im deutschsprachigen Raum intensiv mit dem Problem beschäftigt.

Hilfe von ihrer Versicherung können Grundeigentümer nicht erwarten. "Spechtschäden sind weder durch die Wohngebäude- noch durch die Hausratpolice abgedeckt", sagt Christian Lübke vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft. Das überrascht nicht angesichts der Ausmaße, die das Problem angenommen hat. Sogar Dachorganisationen der Wohnungswirtschaft sind alarmiert. Der Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen (BBU) hat bereits eine Informationsschrift "Spechtschäden" für alle seine Mitgliedsgesellschaften erstellt.

Keine natürlichen Feinde

Die Perspektiven gegen die rabiaten Attacken der Höhlenbrüter sehen die BBU-Experten nicht besonders positiv: Spechte haben - abgesehen von Katzen, die unerfahrene Jungvögel reißen - keine natürliche Feinde. Außerdem stehen sie unter Arten- und Naturschutz. Sie vermehren sich deshalb "seit vielen Jahren in überproportional starkem Ausmaß", sagt Verbandssprecher David Eberhart.

"Das Fangen, Verletzen oder gar Töten der Tiere ist streng verboten", bestätigt Ornithologe Heiermann. Frustrierten Eigenheimbesitzern, die entnervt zum Luftgewehr greifen, drohen also nicht nur hohe Geldstrafen. Nach dem deutschen Tierschutzgesetz kann die Tötung eines Wirbeltieres sogar mit bis zu drei Jahren Gefängnisstrafe geahndet werden.

Wie kommt es zu dem Phänomen? Die dünne, hohl klingende Putzschicht, mit der die Dämmstoffe verkleidet werden, erscheint nicht nur Spechten, sondern offensichtlich auch Insekten wie eine Baumborke. Das lockt sie an, weiß Hladik. "Für den Specht wirkt dies dann wie ein leckeres Selbstbedienungs-Buffet."

Bei (richtigen) Bäumen picken die Vögel sich durch die Borke, um an die dahinter lebenden Insekten zu gelangen. Genauso gehen die Vögel an den modern gedämmten Hausfassaden vor. "Trifft der Schnabel auf Putz und Isoliermaterial, klingt das für den Specht, als hämmere er auf morsches Buchenholz", erläutert Heiermann.

Auch wenn der Vogel beim ersten Versuch keine Insekten unter der Putzschicht findet, habe er mit großer Sicherheit ein Erfolgserlebnis, wenn er einige Tage später zurückkehrt. "Hat der Specht erst einmal ein Loch gehackt, dringen dort schnell Insekten ein", so der Vogelkundler. Werden die kleinen Federtiere beim zweiten Versuch fündig, gibt es kein Halten mehr: Dann hacken die Vögel Loch um Loch in die Fassade, um ihren Hunger zu stillen.

Während diese Ursachen bereits erforscht sind, haben Experten bislang aber keine billige Lösung für das Problem gefunden. "Um größere Schäden zu verhindern, sollten alle Löcher so schnell wie möglich geschlossen werden", rät Eberhart. Das aber ist oft schwierig: Denn die Vögel richten ihre Nester meist in größerer Höhe ein. Bei Mietshäusern muss deshalb oft erst ein Gerüst aufgestellt werden, um an die Löcher zu gelangen.

Zudem untersagt das Naturschutzgesetz, die Vögel während der Brut- und Nestzeit zu stören - dazu nutzen sie größere Löcher auch manchmal. "Solange die Tiere brüten und die Nestlinge füttern, dürfen Höhlen nicht verschlossen werden", betont Nabu-Experte Heiermann.

Putz immer mit starker Armierung

VPB-Geschäftsführerin Merzyn rät, den üblicherweise nur zwei Millimeter starken Putz durch eine deutlich stärkere Armierung zu ersetzen: "Mit einer sieben Millimeter dicken Gewebespachtelung, gefolgt von drei Millimetern Oberputz haben mehrere Grundeigentümer schon gute Specht-Erfahrungen gemacht." Um aber zu verhindern, dass die Vögel dann einfach nur direkt neben dem alten Loch ein neues hacken, muss allerdings das gesamte Haus stärker verputzt werden.

Noch sicherer sei eine Vollmetallverkleidung des Hauses. "Bauherren, die ein neues Haus in der Nähe größerer Baumbestände errichten, sollten von vornherein eine spechtsichere, dickere Fassade wählen", rät die Bauexpertin.