Pflichtpapier

Kaum einer will den Energieausweis

Marita Klempnow blickt nachdenklich in die Ferne. Die Frage, ob und wie man ein Haus danach beurteilt, ob es energetisch auf einem guten Stand ist, sei eben nicht leicht zu erklären. Weniger lange muss sie nachdenken, um das Scheitern jenes Papiers zu beurteilen, mit dem Mietern und Hauseigentümern eigentlich das Energiesparen nahegebracht werden sollte: die seit drei Jahren für viele existierende Pflicht, einen Energieausweis zu besitzen.

Marita Klempnow hat in Hohen Neuendorf nördlich von Berlin ein Büro für Energieberatung. Die 47-Jährige ist Maurerin, studierte später Bauingenieurwesen und bildete sich zur Energieberaterin weiter. Ihre Hauptaufgabe: für Häuser Energieausweise ausstellen - eine Art Tüv für Gebäude, in denen steht, welchen Energieverbrauch das Haus hat.

Im Alltag auf der Baustelle sieht das so aus: Marita Klempnow begeht und untersucht ein Gebäude. Sie kriecht in alle Ecken, hinter jeden Vorsprung und hinter Zwischenwände, greift in Löcher, die nicht mal der Hausbesitzer kennt und fördert nie vermutete Dinge zu Tage: Schimmlige Wände, undichte Fenster, ungedämmte Wände, nicht isolierte Heizungsrohre und und und - nichts ist der Energieberaterin fremd.

Erschreckend findet sie dabei immer wieder, wie wenig die meisten über ihre Häuser wüssten. "Ich muss immer wieder die gleichen Fragen beantworten. Was den Energieverbrauch, aber auch was den Bauzustand des eigenen Hauses angeht, wissen die meisten Menschen kaum."

Was Hausbesitzer wissen

Marita Klempnow muss auch immer wieder feststellen: Das Unwissen rund um den Energieausweis ist groß. "Der Laie hat bis heute nicht verstanden, was mit einem Energieausweis für Immobilien bezweckt wird." Das ist bemerkenswert: Jeder Autofahrer weiß oft auch ohne Blick in den Fahrzeugschein sofort, wie viel PS der Motor hat und welche Euro-Norm der Wagen erfüllt. Anders bei Immobilien. Da weiß kaum jemand über Energieverbrauch oder wichtigste Eckdaten Bescheid. "Einmal im Jahr kommt die Heizkostenabrechnung. Wenn sie ungefähr so hoch liegt wie im Vorjahr, dann wird sie eben bezahlt. Nur wenige arbeiten sich durch die kryptischen Zahlenkolonnen. Dabei steckt hinter den Zahlen Sprengstoff: Denn ist die Dämmung schlecht, spiegelt sich das in den Zahlen wieder", erläutert sie.

Wegen steigender Kosten war es aber noch nie so wichtig wie heute, den Verbrauch des eigenen Hauses zu kennen. Hier soll der Ausweis Miet- oder Kaufinteressenten helfen, sich über den Energiebedarf eines Hauses zu informieren. Zum Ausweis gehören daher auch Modernisierungsempfehlungen - damit Eigentümer ihre Häuser auf mehr Energie-Effizienz trimmen können.

Marita Klempnow unterscheidet drei Personenkreise, die einen Energieausweis anfordern: "Da sind jene, die Donnerstag anrufen und sagen, dass sie bis Samstag den Ausweis brauchen, weil das Haus verkauft werden soll und dann Interessenten kommen." Da wisse sie sofort: Dieser Hausbesitzer hat sich noch nie mit Energie-Themen auseinandergesetzt.

Die zweite Gruppe will den Ausweis, um ihren Energieverbrauch zu erfahren, und die dritte Gruppe will ihr Haus energietechnisch verbessern - bei denen seien bereits bei der Erstbegehung oft Unterlagen zum Haus vorhanden, etwa Baupläne und Grundrisse. Oft seien es bereits kleine Dinge, die ein Haus energietechnisch verbessern könnten. "Etwa ein hydraulischer Abgleich sein, damit alle Heizkörper im Haus alle gleich warm werden."

Verwundert sei sie auch darüber, wie wenige wüssten, welche Fördermittel es gibt, etwa bei der staatlichen KfW Förderbank - und wo man sich überall kostenlos Beratung holen könnte.

Warum droht der Energieausweis zu scheitern? Vor seiner Einführung hatten Lobbygruppen der Immobilienbranche einen heftigen Streit geführt. Monatelang rangen Energietechnik, Hauseigentümer- und Mieterverbände miteinander. Der eine glaubte, dass sich Wohnungen schwerer mieten lassen würden, wenn jemand nach dem Energieausweis fragen sollte, der andere fürchtete Zusatzkosten durch energetische Sanierungszwänge. Einer favorisierte, den Energiepass nach dem Verbrauch der Bewohner zu berechnen, der andere nach dem theoretisch berechneten Bedarf der Immobilie.

Die schrittweise Einführung machte die Verwirrung komplett: Ab 1. Juli 2008 bestand die Ausweispflicht nur für Gebäude bis Baujahr 1965. Wann der Bedarfsausweis vorgelegt werden muss und wann der Verbrauchsausweis, ist bis heute ein kompliziertes Thema. "Mich wundert nicht, dass die Menschen irgendwann aufgehört haben, das verstehen zu wollen", sagt Klempnow.

Dabei sollte der Pass ehrgeizige Klimaschutzziele in Deutschland unterstützen. Die Bundesregierung setzte darauf, dass Hauseigentümer, denen ein hoher Verbrauch bescheinigt wird, über bald ihre Häuser modernisieren.

Problematisch für die Beraterin vor Ort: Rechnet sie in manchen Punkten beim Energiepass bis auf die dritte Stelle hinter dem Komma, so würden für andere Bestandteile des zu untersuchenden Gebäudes pauschalierte Näherungswerte eingesetzt. "Das Ergebnis ist, dass das Gesamtergebnis verfälscht wird." Was stimmig ist und was nicht, muss sie bei ihren Beratungsgesprächen deshalb manchmal mehrere Stunden lang erklären.