Neuer Wohnraum

Exklusiv leben mit Panorama-Ausblick

Mit mindestens 125 Objekten ist Berlin die Hauptstadt der Wassertürme. Das liegt an der Historie der Stadt, die 1920 aus acht Städten, 59 Landgemeinden und 27 Gutsbezirken entstand - als alle längst ihren Wasserturm hatten. Nur noch drei sind in Betrieb, 68 stehen noch.

Man kann sie abreißen, als Aussichtsturm oder Standort von Sendeeinrichtungen nutzen, und man kann auch in ihnen wohnen.

Wie Riesen stehen sie da und schauen aus 30, 40, 45 Metern Höhe weit ins Land - stark, mächtig, unbeirrbar. Sie trotzen nicht nur Wind und Wetter, sondern auch der Tatsache, dass sie eigentlich nicht mehr gebraucht werden: Insgesamt 2500 Wassertürme gibt es in Deutschland, die einst als Druckausgleich im städtischen Trinkwassernetz oder als Speicher für den Wasserbedarf von Lokomotiven, Gaswerken und Textilfabriken dienten. Längst sind sie durch erdnahe Speicherbecken mit Pumpanlagen ersetzt.

Beispiele fürs Wasserturm-Wohnen gibt es: Wie Familie Schleicher, die im 44 Meter hohen Wasserturm Schmöckwitz bei Eichwalde (Brandenburg) lebt. Das Bauwerk wird in zwei Jahren 100. Oder wie Familie Bähre, die 2005 in Hohe Börde bei Magdeburg in einen ehemaligen Wasserturm zog, der einst sogar Wehrturm war. Auch die brandenburgischen Wassertürme in Joachimsthal, Nauen und Neustrelitz sind bewohnt.

Hoch oben im Wahrzeichen

Leben im Wasserturm - das vermittelt das Gefühl von Erhabenheit und eines ungewöhnlichen Lebens. Nebenbei erhält es ganz nebenbei alten Baubestand. Denn die Türme sind Wahrzeichen, die seit Jahrzehnten Stadt, Ort und Landschaft prägen. "Keine anderen Bauwerke repräsentieren die kurze Epoche des industriellen Aufbruchs, der Modernisierung der städtischen Versorgung und des beginnenden Verkehrswesens zum Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts so großartig und vielfältig", schwärmt Jens U. Schmidt, Autor mehrerer Wasserturm-Bücher.

Und so macht es nichts aus, wenn bei Sturm das Wasser im Glas schwappt und die Gläser im Schrank klirren, weil das eigene "Haus" leicht hin und her schwankt. Oder wenn die Zimmer wie Tortenstücke geschnitten sind. Oder wenn eine Wohnung aus fünf oder gar acht Etagen besteht und ohne Fahrstuhl fast nichts geht. "Wer die vorhandenen Defizite als Markenzeichen akzeptiert und liebt, kann sich mit viel Fantasie und Einfühlungsvermögen ein individuelles Heim schaffen, das mit seiner eigene Atmosphäre das Leben prägt", sagt Susann Bähre.

Wer so leben will, braucht einen langen Atem - nicht nur für die mehr als 100 Treppenstufen, die sich im Turm hochwinden. Viel Ausdauer erfordern bereits vor dem Umbau die Verhandlungen mit den zuständigen Behörden, denn: Viele Wassertürme stehen unter Denkmalschutz - und somit im Spannungsfeld zwischen neuzeitlichen Wohnansprüchen und dem Wunsch, alte Architektur zu bewahren.

Neue Bewohner eines Wasserturms wünschen sich verständlicherweise größere Fenster, einen Anbau, einen Fahrstuhl oder eine Wärmedämmung, die von außen ans Gebäude angebracht werden muss. Solche Eingriffe in ein altes Bauwerk bedeuten aber, dass es sein Gesicht entscheidend verändert, mit dem es bisher in die Landschaft geschaut hat. Da gilt es, Kompromisse zu finden.

Gleichgültig, ob es um die Wasserversorgung, die Heizungsanlage oder die Elektro-Installationen geht: Wer einen Wasserturm in Wohnraum umwandeln will, hat keine Grundversorgung, auf der er aufbauen kann. Sie muss neu installiert und der besonderen Wohnsituation angepasst werden. So braucht die Trinkwasserversorgung häufig eine Druckerhöhungsanlage, die den Wasserdruck für alle Etagen ausreichend anpasst.

Teurer Umbau

Auch ist es eine besondere Herausforderung, in einem Rundturm mit sieben bis zehn Metern Durchmesser eine Wohnlösung zu finden. Gerade Wände ergeben sich, wenn man den Wohnbereich einer Etage unterteilt. Wie viele Zimmer sich aus einer Etage machen lassen, hängt von der Quadratmeterzahl ab. Man ahnt schon: Preiswert ist das Wohnen im Wasserturm nicht. Der Umbau des Wasserturms in Neustrelitz kostete fast 500 000 Euro.

Wer dennoch von seinem Rapunzel-Turm träumt, wird bald feststellen: Auch die Suche nach dem eigenen, richtigen Turm erfordert Ausdauer. Zwar gibt es einige leer stehende Wassertürme in Berlin. Doch: "Das Hauptproblem ist ihre Größe. Die Türme sind meist zu groß, um sie in eine Wohnung umzubauen. Sie hingegen in ein Mehrfamilienhaus umzuwandeln, ist oft zu teuer und zu aufwendig", weiß Schmidt.

Aktuell im Angebot ist das Bauwerk in Pankow-Heinersdorf. In dem 45 Meter hohen Vierkant-Bau könnte sich geräumiger Wohnraum schaffen lassen: 1000 Quadratmeter auf neun Etagen mit 80 qm Dachterrasse.

Natürlich kann man sich auch ins fertige Nest setzen. Wie die Bewohner der neun Wohnungen des Wasserturms in der Knaackstraße (Prenzlauer Berg). Platz frei ist noch im Berliner Westend, wo zwei 30 und 60 Meter hohe, denkmalgeschützte Wassertürme aus der Gründerzeit zu 19 Wohnungen umgebaut wurden. Viel Geld braucht man hier auch. Der Quadratmeter kostet circa 2700 Euro. Wer dort ganz hoch hinaus will, zahlt bis zu 4300 Euro.

Keine Frage: Ein Ausblick von ganz oben ist grandios - genau das macht das Turm-Wohnen aus: Am Abend mit einem Glas Rotwein in die Ferne zu sehen. Auch Sarah Phillips und Richard Hurding, die über Joachimsthal (Landkreis Barnim) einzogen, schwärmen von der Aussicht.

Literatur: Wassertürme in Berlin. Jens U. Schmidt. Regia Verlag 2010. Online mehr über Wassertürme: http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Wassert%C3%BCrme_in_Berlin , www.watertowers.de/wt/index . php; www.wassertuerme.com