Nachbarschaft

Der Lärm der Anderen

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Berit Waschatz

Jeder dritte Deutsche hat sich schon mal mit Nachbarn gestritten. Meist war Lärm der Grund. Vor allem Akademiker zeigen sich dann oft streitlustig: Nachbarn mit Hochschulabschluss zanken sich häufiger mit Nachbarn als etwa Arbeiter. Das gilt besonders, wenn es um eine ausgelassene Party oder den zu lauten Fernseher geht, so eine Umfrage des Portals Immowelt.

Ähnliche Erfahrungen hat auch der stellvertretende Vorsitzende des Hamburger Mietervereins gemacht: "Fast jede vierte Beratung hat Lärm zum Thema", sagt Siegmund Chychla. Bei den meisten Beschwerden geht es um Nachbarn: Leute rennen mit Schuhen über Dielenböden oder schlagen mit den Türen. Diesen Grund sieht der Experte: Dank jetzt gut isolierter Fenster und Türen dringt kaum noch Lärm von außen in die Wohnungen. "So werden die Geräusche im Haus lauter wahrgenommen." Früher übertönten über Kopfsteinpflaster fahrende Autos den Lärm im Haus - heute nicht mehr.

Früher habe es zudem viele Familien mit mehreren Kindern gegeben. Um 6 Uhr morgens wurde aufgestanden und der Ofen angemacht. Die Kinder gingen zur Schule, die Frauen putzten. Um 22 Uhr waren alle müde und fielen ins Bett - überall im Haus, sagt Chychla. Heute leben viele Ältere alleine, und die haben einen anderen Lebensrhythmus als junge, vielleicht arbeitslose Nachbarn.

Arbeitslose oder Studenten beklagen den Lärm, den der arbeitende Nachbar um 7 Uhr morgens beim Aufbruch macht. Und der Nachbar, der nach der Arbeit erschöpft ins Bett fällt, beschwert sich über Nachbarn, die später aufstehen und erst um 23 Uhr voll aufdrehen. Das hänge auch mit der Individualisierung der Gesellschaft zusammen. "Früher waren die Mieter eher bereit, sich zurückzunehmen und die Interessen der anderen zu berücksichtigen", bedauert Chychla.

Viele Singles, wenige Kinder

Das gelte auch im Umgang mit Kinderlärm. Früher habe jeder Kinder gehabt und Kindergeburtstage gefeiert. Heute ist in Großstädten jede zweite Wohnung ein Ein-Personen-Haushalt. Auf der anderen Seite seien viele Kinder sich selbst überlassen und lärmten. Doch erst wenn das "sozialadäquate Maß" überschritten ist, kann man sich beschweren, sagt Jörn-Peter Jürgens (Interessenverband Mieterschutz, Hannover). Ein Nachbar muss das Toben vor dem Zubettgehen dulden. Auch wenn ein Kind mit seinem Bobbycar-Rutscheauto übers Laminat rollt, sei das in Ordnung. Erst wenn das Nachbarskind ständig gegen Wände und Heizkörper donnert, könne man etwas unternehmen.

Doch nicht nur isolierte Fenster sind Schuld, dass Mieter den Nachbarlärm stärker wahrnehmen. Auch die Gewohnheiten bei der Möblierung haben sich verändert. Früher hingen schwere Vorhänge an den Fenstern, und dicke Teppiche waren verlegt. Heute haben viele Wohnungen gar keine Gardinen mehr. Überall stehen Glastische und Metallmöbel. "Die Schallschutzfunktion der Möblierung ist nicht mehr da", sagt Chychla. Das ganze Haus verwandelt sich damit in einen Resonanzkasten. Wenn dann noch die Lautsprecher der Stereoanlage direkt auf dem Boden und an der Wand stehen, ist Ärger programmiert. Leiser wird es, wenn man unter die Boxen eine Filzunterlage legt.

Dabei sollte das Zusammenleben mit den Nachbarn dank der Hausordnung eigentlich klappen. Zwar ist die in Berlin nicht gesetzlich geregelte Mittagsruhe zwischen 13 und 15 Uhr in einer quirligen Metropole nicht durchzusetzen. Aber von 22 bis 7 Uhr morgens gilt Nachtruhe. "Dann muss man sich so verhalten, dass man andere nicht stört", sagt der Mietervereins-Experte. Zudem sollte Musik nach 20 Uhr nur auf Zimmerlautstärke gehört werden, und auch außerhalb der Ruhezeit sollte man eine Kompaktanlage nicht so aufdrehen, dass das andere stört. Sonst kann der Nachbar schon mal bei der Polizei eine Anzeige erstatten.

Zuvor sollte man aber immer das Gespräch mit lärmenden Nachbarn suchen, rät Jürgens. Wenn die Party ausschweift, sollten Nachbarn klingeln und um Ruhe bitten. "Erst wenn das keine Wirkung zeigt, kann man auch mal zum Hörer greifen und die Polizei informieren." Ähnliches gilt für Wochenendparty-Veranstalter: Um Ärger vorzubeugen, sollten sie im Treppenhaus einen Zettel aushängen, auf die Party hinweisen und sich für Störungen entschuldigen. Jeder muss sich bewusst sein, dass es auch ohne Musik immer einen Lärmpegel gibt, selbst wenn mehrere Leute beieinander sich auch nur auf Zimmerlautstärke unterhalten.