Architektur

Klassischer Baustil findet neue Freunde

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Andreas Voigt

In Deutschland gibt es nicht viele Architekten, die traditionell bauen. Und leicht haben es diese modernen Traditionalisten unter Kollegen nicht, wie Beispiele zeigen. Private Auftraggeber aber begeistern sich für den Trend "Vorwärts in die Vergangenheit".

Für einen Neubau ist das Ärztehaus in der Bergmannstraße (Kreuzberg) ungewöhnlich. Die Putzfassade ist symmetrisch gegliedert, ein Sockel aus Naturstein gibt dem Gebäude Halt, und Fenster ruhen auf langen Gesimsen. Viele Passanten halten das sechsstöckige Gebäude für einen Altbau - ähnlich wie das rote Kollhoff-Hochhaus wegen seiner 20er-Jahre-Formen für den "einzigen Altbau am Potsdamer Platz" gehalten wird.

Den meisten modernen Architekten ginge wohl bei so viel Anlehnung an traditionelle Baukultur der Hut hoch. Tobias Nöfer hingegen, der zusammen mit Georg Graetz das Kreuzberger Ärztehaus entwarf, stört das wenig. "Das Haus ist keine Altbau-Kopie, es ist mit modernen Materialien gebaut und spielt nur mit Elementen traditioneller Baukunst."

Traditionelle Formensprache

Nöfer ist einer von wenigen Architekten in Deutschland, in dessen Gebäuden sich die traditionelle Sprache vergangener Epochen widerspiegelt. Für ihn ist Architektur mehr als ein rechteckiges Gebäude mit asymmetrisch angeordneten Fenstern, Flachdach und Fassade ohne Profilierung. Doch bei den meisten Architektenverbänden, Fachzeitschriften und Baubehörden sind solche Architekten nicht beliebt. Während seines TH-Studiums in Aachen fertigte der Berliner nur zeitgenössische Entwürfe an, um den Abschluss seines Studiums nicht in Gefahr zu bringen und am Modernismus orientierte Professoren nicht zu verärgern.

"Wer sich als Architekt für klassische Baukultur interessiert und diese weiterentwickeln will, gilt schnell als reaktionär", sagt der 43-Jährige. Die Nazis missbrauchten den Klassizismus als Machtinstrument. "Also ist es seither ein Tabu, als Architekt mit klassischer Formensprache zu arbeiten", fährt Nöfer fort, der neben Wohnhäusern und Villen auch Forschungsgebäude und Geschäftshäuser baut.

Nöfer orientiert sich bei seinen Arbeiten an Altmeistern wie Karl Friedrich Schinkel, Alfred Messel oder dem frühen Mies van der Rohe - das Titelbild dieser Immobilien-Beilage zeigt eine seiner Villenbauten. Wie etwa im Klassizismus zeichnen sich die Gebäude des Berliners "durch eine klare und symmetrisch gegliederte sowie profilierte Fassade aus", erläutert Nöfer. Als bloße Plagiate alter Bauten will er seine Arbeiten nicht verstanden wissen. "Die Herausforderung besteht für mich mit Hilfe zeitgenössischer Baumaterialien und modernster Technologie Gebäude und Fassaden zu erstellen, die sich einer traditionellen Formensprache nicht verschließen."

Auch die Gebäude des Hamburger Architekten Matthias Ocker sind von einer traditionellen Formensprache geprägt. Allerdings geht der 59-jährige gebürtige Bremer noch einen Schritt weiter. Seine Häuser sind in Form-, Farb- und Materialgestaltung ganz der Tradition verpflichtet. Statt Beton, Stahl und Glas verwendet er meist Sand- oder Ziegelstein, Zement oder Holz. Seine meist streng klassizistischen Ein- und Mehrfamilienhausfassaden sind entweder weiß getüncht oder durch rote Sichtziegel geprägt.

Gegen "beliebige" Gebäude

Ocker, der mittlerweile rund 30 klassizistische Mehrfamilienhäuser und Villen in Deutschland, Frankreich und den USA gebaut hat, legt ebenso wie Nöfer Wert darauf, dass seine Gebäude sich der historischen Bebauung einer Stadt maßvoll anpassen. Wichtig sei, dass die Häuser in Form und Gestalt miteinander korrespondierten und nicht wie viele heutige Bauten "die Korrespondenz mit der Nachbarschaft verweigern". Der Hanseat beklagt die "Beliebigkeit etlicher moderner Gebäude, deren Architektur oft genug nur einer kurzweiligen Mode unterliegt."

Dass Architekten mit traditionell orientierten Entwürfen bei Stadtplanern, Bauämtern und Verbänden auf wenig Gegenliebe stoßen, musste auch der Frankfurter Architekt Wolfgang Rang erfahren. Beim Neubau-Wettbewerb für das "Historische Museum" am Frankfurter Römerberg reichte der 60-jährige Architektur-Professor 2008 einen traditionellen Entwurf ein, der eine äußere Rekonstruktion mehrerer Museumshäuser aus der Vorkriegszeit vorsah. Da das Preisgericht "vorwiegend aus Rekonstruktionsgegnern bestand, hatte mein Vorschlag keine Chance", bedauert Rang.

Matthias Ocker, der sich selbst als "Außenseiter" seiner Zunft bezeichnet, baut längst nur noch für private Bauherren. "Es gibt einen Markt für klassische Architektur, der immer größer wird", beobachtet er. Die Wohnungen in solchen Häusern seien meist im Handumdrehen verkauft. Viele Bürger sehnen sich nach traditioneller Architektur, "die ihnen in Zeiten dramatischen Wandels ein Stück Kontinuität vermittelt. Nicht umsonst sind die historisch gewachsenen Gründerzeitquartiere in Deutschlands Städten so beliebt", so der Architekt.

Wachsender Klassik-Markt

Allerdings verhehlt Ocker nicht, dass seine Häuser zehn bis 15 Prozent mehr kosten als Gebäude mit Glattfassade. Dafür aber seien seine Bauten dank umweltverträglicher und nachhaltiger Baustoffe wie Ziegel- und Naturstein auf einen langen Lebenszyklus ausgerichtet.

Obwohl die beiden Architekten Exoten im Architekturbetrieb sind, haben sie mit ihrer Auffassung von Architektur eine Nische getroffen, von der es sich offenbar gut leben lässt. Die Auftragsbücher der Außenseiter sind gut gefüllt. Nöfer ist einer der Architekten, die in den nächsten Jahren in der Berliner Falkoniergasse in prominenter Lage direkt gegenüber dem Schlossplatz mehre Wohnhäuser errichtet. Ocker baut derweil drei Mehrfamilienhäuser in Hamburg-Winterhude.

Sorgen macht sich Matthias Ocker, der in seinem Büro in Hamburg sechs Architekten beschäftigt, nur um den Nachwuchs: "Finden Sie mal einen Architekten, der mit den Regeln der klassischen Baukunst vertraut ist." Schließlich werde an den Unis nicht gelehrt, wie man traditionell baue.

( mit: tr )