Stil

Einrichten als Geschlechterfrage: Frauen wohnen anders, aber die Männer meistens auch

Die gerahmte Reichstagskuppel ist der Zankapfel. Dabei hatte alles so gut angefangen. Das befreundete Pärchen, beide Mieter von Ein-Zimmer-City-Wohnungen, will zusammen eine Vier-Zimmer-Wohnung beziehen.

Wurde bei der Wandfarbe noch ein Kompromiss in Apricot gefunden, stand das großformatige Ölbild mit Reichstagskuppel lange in einer Ecke auf dem Fußboden. SIE, die stolze Besitzerin, will es unbedingt überm Wohnzimmer-Sofa aufhängen. ER, modernen Künstlern gegenüber abgeneigt, möchte dort Farbe mit Schleudertechnik an den Wand bringen und das Bild nicht sehen - "höchstens überm Bett im Schlafzimmer, da muss ich nicht hinschauen". Wochen später hängt das Bild an der Wand - über dem Sofa... Szenen wie diese kennen zusammenziehende Paare. Unterschiedliche Möbel und unterschiedliche Geschmäcker, was das Interieur betrifft, treffen aufeinander.

Frauen üben sich gerne im Nestbauen, schaffen Wohlfühl-Atmosphäre mit Tischdecken und Blümchentapete, während Männer klobige Lautsprecherboxen aufstellen. Wenn beide Partner einen ähnlichen Geschmack haben, ist das Streitpotenzial schon stark verringert. Denn zu versuchen, dem anderen seinen Geschmack aufzudrängen, ist in 99 von 100 Fällen ein Ding der Unmöglichkeit. Eher praktikabel ist das Vetomodell: Wenn einer ein schönes Möbelstück gefunden hat, wird die Idee vorgeschlagen, kann aber vom anderen per Veto ausgeschlagen werden.

Jedem sein eigenes Reich

Generell ist es in Einrichtungsfragen für Jüngere einfacher. Mit Anfang 20 sieht man vieles lockerer, Diskussionen über Küchenfliesen sind nicht der Schwerpunkt. Später sieht das anders aus: Meist besitzt jeder einen Hausstand mit Dingen, von denen er sich "auf keinen Fall" trennen will. Bei der Waschmaschine mag die Auswahl einfach sein - doch wie kombiniert man ihre Korbmöbel mit seinen Designersesseln? Abhilfe schafft ein eigenes Zimmer, zur Not auch eine eigene Ecke, in der man seinen Stil ausleben kann.

"Wir sind mit 21 zusammengezogen", erzählt Mareen Lepski (31) aus Berlin. Damals hatte sie schon Möbel, er brachte nichts mit. Die Ausstattung der Zimmer überließ er gerne dem weiblichen Part. Immerhin zeigte Mareen ihm vorher, was sie aus Katalogen bestellte, er nickte mehr oder weniger beifällig. "Mit der Zeit jedoch wurden unsere Differenzen bei Sauberkeit und Ordnung deutlich. Er war ein Chaot, während ich die meiste Zeit putzte und aufräumte." Details begannen zu nerven. "Fotos und Kerzenständer, die er mitbrachte, fand ich fürchterlich. Ich sagte ihm das zwar nicht, ließ sie aber bald unbemerkt verschwinden", erzählt die Restaurantfachfrau. Vor vier Jahren trennte sich das Paar, Mareen lebt jetzt mit ihrem Sohn allein in einer Drei-Zimmer-Wohnung: "Ich kann mir nicht mehr vorstellen, die Wohnung mit einem Mann zu teilen. Ich bin immer schnell genervt, wenn es nicht so läuft, wie ich möchte."

Ähnlich geht es Hendrik Mörs (32), der sich vor Monaten von seiner Freundin trennte und nun eine Zwei-Zimmer-Wohnung hat. Das Sofa erinnert ihn an alte Zeiten. "Die abgefressene Sofalehne ist der Katze meiner Ex zu verdanken." Die Katze war ihm nie lieb, "die verbreitete immer so ein Chaos in der Wohnung".

Sonst verlief das Zusammenleben überwiegend harmonisch. Mörs: "Sieben Jahre lang gab es bei der Einrichtung nur wenige Probleme". Beide hatten einen ähnlichen Geschmack und kauften vor allem Gründerzeit- und Kolonialstil-Möbel. "Wenn wir Möbel brauchten, schauten wir uns auf Flohmärkten um oder stöberten bei eBay." Natürlich ging es nicht ganz ohne Kompromisse ab. "Sie wollte die Wände mit der Wisch-Technik bemalen, ich war dagegen - dieser Stil ist doch seit Jahren völlig out!" Gegen die gewischten Wände konnte sich Mörs übrigens bis zum Schluss nicht durchsetzen.

Isabel Petermann (24) und Eric Scheithauer (25) wohnen seit vier Jahren zusammen - und sind schon viermal umgezogen. Dabei musste Eric lernen, sich weiblichem Gestaltungswillen zu unterwerfen. "In unserer Wohnung habe ich darauf bestanden, das Schlafzimmer als Mädchenschlafzimmer einzurichten", sagt Isabel. Ein weißes Metallgitterbett, lila gestrichene Wände mit Flower-Tattoos und rote Herzkissen machen aus dem Raum zum Mädchentraum. Das Wohnzimmer wollte Eric eigentlich rot streichen. "Das wurde mir aber verboten", gibt Eric zu, Isabel griff zielsicher zu einer hellgelben Wandfarbe. Die ist ihr mittlerweile zu grell, doch das mag die Studentin nicht ohne weiteres zugeben.

Krach gab es mal wegen einer Deckenlampe, die Isabel von ihren Eltern erben sollte. "Die war einfach grundhässlich", sagt Eric. Isabel hinderte ihn jedoch, sie wegzuwerfen. Sie dümpelt jetzt auf dem Speicher, zusammen mit schwarzen Möbeln von Eric, die durfte er auch nicht aufstellen. "Ich liebe weiße Möbel", sagt Isabel, "doch im Moment fehlt uns das Geld für neue Möbel." Auch gegen die Tierliebe Isabels ist Eric chancenlos. Eigentlich wollte das Paar eine Katze. Doch jetzt sind es schon drei - weil man die süßen Dinger doch nicht einfach ins Tierheim abschieben kann...

Silke Maschinger, die als Coach für Beziehungsfragen arbeitet, kennt Wohnkonflikte. Die Dominanz des weiblichen Parts bei Eric und Isabel sieht sie kritisch: "Jeder braucht einen Raum, in den er sich zurückziehen kann. Wenn also Isabel ein Mädchenschlafzimmer hat, sollte Eric auch einen Platz nach seinem Geschmack haben. Denkbar wäre, das Wohnzimmer in seiner Wunschfarbe zu streichen und nach seinem Geschmack einzurichten." Wenn immer nur Isabel entscheidet, wie die Wohnung aussehen soll, und Eric keinen Wunsch erfüllt bekommt, "wird er sich früher oder später wie ein Gast in seiner eigenen Wohnung vorkommen - und sich vielleicht auch so verhalten". Prinzipiell gelte: Jeder darf seine Wünsche einbringen, muss aber auch bereit sein, Abstriche zu machen.

Buchtipp: "Frauen wohnen anders. Männer auch", Ruth Wegerer, Verlag Christian Brandstätter, 29,90 Euro

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