Bauherren-Kino

Auf der Leinwand ein Haus aussuchen

Tapetenwechsel per Mausklick, das Bad in Sekundenbruchteilen komplett neu gefliest, der Fußbodenbelag ohne jedes Möbelrücken ruck, zuck ausgetauscht - für Häuslebauer ist dies nicht länger nur ein Traum.

Allerdings gibt es diese Wunderdinge bisher nur virtuell. Seit Herbst 2008 ist in Netzen (Kreis Potsdam-Mittelmark) das nach Angaben des Betreibers weltweit erste 3D-Bauherren-Kino in Betrieb. Es gewährt wirklichkeitsnahe Einblicke ins neue Eigenheim, lange bevor es gebaut wird - Änderungswünsche inklusive.

"Wir projizieren unseren Kunden ihr künftiges Zuhause so realistisch wie möglich auf die Leinwand, als würde man den Bau spüren", schwärmt Andreas Schurig, Gesellschafter des Hausbau-Unternehmens Bauunion 1905, das aus dem sächsischen Gröditz stammt. Das "Bauherren-Kino" im Massivhauspark Netzen unterscheidet sich von herkömmlichen Filmtheatern vor allem darin, dass es statt Sitzreihen lediglich ein gemütliches Sofa vor der etwa vier bis fünf Quadratmeter großen Leinwand gibt. Schließlich entsteht beim digitalen Umgestalten eines geplanten Hausbau-Projekts kein Film für 100 Zuschauer. Ziel der Leinwandschau ist die individuelle Hausbau-Entscheidung einer Bauherrenfamilie beim Hausanbieter Bauunion.

Erst besichtigen, dann bauen

Von hier aus können Bauherren mit der 3D-Brille ganz entspannt ihr neues Haus in Augenschein nehmen, es virtuell begehen und nach eigenem Geschmack ausstatten. Ob Fenster, Außenfassade, Fliesen oder Fußbodenbelag, die Bauunion-Kunden können aus einer Musterpalette auswählen. Allein um den Fußboden zu gestalten, haben Interessierte die Wahl zwischen 180 verschiedenen Belägen.

Ein Vorteil: Mit jeder gewünschten Veränderung im Detail werde sofort die ganze Kostenkalkulation neu erstellt, sagt Holger Schönemann, Geschäftsführer der Dresdner Firma Softwareparadies, die Systemlösungen für die Baubranche anbietet.

Gemeinsam mit dem Fraunhofer-Institut für Arbeitswissenschaft und Organisation (IAO, Stuttgart) wurde das Bauherren-Kino im Rahmen eines EU-Forschungsprojekts entwickelt. Die erste Phase des Projekts wurde mit der offiziellen Eröffnung des Bauherren-Kinos 2008 abgeschlossen.

"Wir wollten ein komplettes System installieren, das Kunden ein hohes Maß an Planungssicherheit gewährleistet", sagt Bauunion-Chef Schurig. Mit dem Bauherren-Kino soll der Service seines Unternehmens "eine neue Stufe erreichen". Die Bauunion hat bisher rund 2000 Ein- und Zweifamilienhäuser vor allem in Berlin, Brandenburg, Sachsen und Thüringen errichtet. "Wir erweitern derzeit unseren Aktionsradius auf Bayern", sagt Schurig. Jährlich baue seine Firma 90 bis 150 Häuser.

Auch wenn das Kino eine virtuelle Begehung der Häuser im Maßstab 1:1 erlaubt, könne dies die konventionelle Begutachtung von Musterhäusern nur ergänzen, nicht jedoch ablösen, kommentiert Softwareparadies-Chef Schönemann. Vom Bauherren-Kino sind es in Netzen nur wenige Schritte zurück in die Wirklichkeit, wo reale Musterhäuser real betreten werden.