Baumeister für Berlin: Julius Wendler und das falsche Fachwerk

Der Berliner Kunstschlosser Ottmar Holdefleiß von der "Fa. Schulz & Holdefleiß" war um die Jahrhundertwende ein sehr bekannter Mann. Und reich war er auch geworden, deshalb konnte er sich in der "Villenkolonie Tegel" auf dem Terrain des Gutsbezirks Schloss Tegel ein großes und repräsentatives Gebäude im Landhausstil leisten. Souterrain und Erdgeschoss kommen als unverputzter Ziegelbau daher, das Obergeschoss (Schlafzimmer) wurde landhausgemäß als Fachwerkgeschoss mit hell verputzten und erhabenen Ausfachungen gestaltet. Dies allerdings nicht, wie man erwarten könnte, in Holz, sondern in Eisen - was sicherlich der Wunsch des Kunstschlosser-Bauherrn war. Dabei, wundern sich die Berliner Architekturkenner, folgt der Eisenaufbau konstruktiv einem Holzfachwerk - und wird damit absolut nicht materialgerecht verwendet. Zusammen mit der frei komponierten malerischen Fassade macht aber gerade dies den Reiz und die Bedeutung des Hauses als Unikat aus. Der Bau in der Adelheidallee ist zusammengesetzt aus den Bauteilen Treppenhausturm, verglaster Wintergarten, Terrasse mit geschwungenen Freitreppen und einem Erker im Fachwerkgeschoss (samt Ausbau bis ins Dachgeschoss). Seit 1958 ist der Bau im Besitz des Bezirks Reinickendorf, wurde Altenheim und Freizeitstätte für Behinderte und Senioren. Geschaffen hat das Haus einst der Architekt Julius Wendler, von dem noch zwei (völlig anders konstruierte) Moabiter Mietshäuser als beachtete Werke erhalten sind.