Genozid vor Europas Toren

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Jörg Taszman

Es gibt Filme, die entziehen sich einer klassischen Filmkritik. Dieser Dokumentarfilm von Eric Bergkraut über die mutige Menschenrechtlerin Sainap Gaschaiewa, die mit anderen Frauen den Völkermord in Tschetschenien auf Video dokumentiert, gehört dazu. Es ist ein politischer Film, bei dem man schon nach wenigen Minuten nicht mehr hin sehen mag, wenn ein sterbender kleiner Junge ins Bild gerückt wird.

Seit dem Beginn des Tschetschenienkriegs 994 haben es die Russen geschickt verstanden, Bilder zu verhindern, die ihre unmenschlichen Taten belegen. Der wohl bekanntesten russischen Aktivistin gegen diesen Krieg, der Journalistin Anna Politovkaja, wurden "Home-Videos" russischer Soldaten zugespielt, die beweisen, mit welcher Brutalität diese vorgehen. Kein russischer TV-Sender war bereit, diese Bilder zu senden.

Als der Schweizer Filmemacher den russischen Justizminister fragt, wie er einem Kind in drei Sätzen den Tschetschenienkonflikt erklären würde, hat der Technokrat eine einfache Antwort parat: internationaler Terrorismus. Präsident Putin sieht das ähnlich simpel und darf sich seit dem 11. September als wichtiger Vertreter im Kampf gegen den Terror betrachten. Wer es sich so leicht macht und von anderen Mächtigen dieser Welt mehr oder weniger gedeckt wird, kann ungestört auf Gewalt setzen. Auch wenn Zahlen zu abstrakt sind, um das Leid zu erahnen, sind allein 35 000 Kinder unter bis zu 300 000 Toten zu beklagen, die der Krieg auf tschetschenischer Seite gefordert hat.

Bergkraut hat mit seinem aufwühlenden und deprimierenden Film Partei ergriffen für die Opfer, vor allem Frauen und Kinder. Am Ende läßt er Bilder aus dem Fernsehen für sich sprechen: ein aufgeräumter Chirac, Schröder und Putin lächeln in die Kameras und die westeuropäischen Staatsmänner bescheinigen ihrem Freund Putin, die letzten Wahlen in Tschetschenien seien frei gewesen. Das ist Männerfreundschaft, die zynisch die Opfer eines "Kolonialkrieges" (Sainap Gaschaiewa) ausblendet. Und dieses Leid läßt sich durch nichts rechtfertigen, auch nicht durch die brutalen terroristischen Überfälle von Tschetschenen im Moskauer Theater Nord-Ost oder in der Schule von Breslan. Das kluge an Bergkrauts Film ist, daß er sich nichts aufrechnet, sondern anklagt: Wir im Westen lassen diesen Völkermord zu, wie so viele andere auch. Bewertung 3