Liebt Yasmin Osama?

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Hanns-Georg Rodek

"Yas loves Osama" hat ein Unbekannter unter das Foto der "Angestellten des Monats" gekritzelt und deren Gesicht mit Turban und Vollbart verunziert. "Wer ist Osama?" fragt Yasmin, als sie zur Arbeit auf ihrer Sozialstation erscheint; man schreibt den 12. September 2001, und sie wird es früh genug erfahren, denn der Vortag hat nicht nur New York verändert, sondern auch ihr nordenglisches Yorkshire.

Kenny Glenaans Film "Yasmin" übernimmt aufs Gewissenhafteste jene Rolle, welche die aktuellen Medien offenbar nicht mehr spielen können: präsent zu sein, bevor die Schlagzeilen zu schreien beginnen, und präsent zu bleiben, wenn sie verstummen.

Eine Szene in "Yasmin" wiederholt sich: Die Titelheldin fährt morgens in ihrem schicken Auto durch die rauh-schöne Landschaft, hält an einer einsamen Stelle - und legt Hijab, Burkha und flache Schuhe ab, um sich in Jeans, offene Bluse und Hochhackiges zu werfen. Abends, wenn sie von der Arbeit kommt, hält sie dort erneut, um Kopftuch und Gewand anzulegen, bevor sie ins Elternhaus zurückkehrt.

Diese Vor-9/11-Doppelexistenz ist für Yasmin nicht ideal, aber alltagstauglich; bei ihrem Job in der Großstadt ist sie in die englische Kollegen-Clique voll integriert, daheim in der Kleinstadt, wo in ihrer Straße nur Pakistans wohnen, ist sie die folgsame Tochter ihres strenggläubigen Moslem-Vaters.

Das Drehbuch von Simon Beaufoy - er schrieb schon "Ganz oder gar nicht" - ist nicht das eines blauäugigen "Mea culpa"-Liberalen. Yasmins Vater, seine Religionsauslegung wäre heute selbst in Pakistan anachronistisch (aber er verweist den Sohn vom Tisch, als der dem Trade Center-Anschlag bewundernd "Stil" bescheinigt). Yasmins Bruder, er plappert wie ein Religions-Macho vom "Bruderkampf in Afghanistan" (und hat doch keine Probleme, sich von Ungläubigen einen blasen zu lassen). Und Yasmin, sie liebt einen englischen Kollegen (hat sich jedoch zur Heirat mit ihrem Cousin überreden lassen, bis der seine Aufenthaltsgenehmigung bekommt).

Es gibt Juden, die durch den Blick anderer Juden zu Juden werden, hat der Philosoph Vilem Flusser gesagt, und es gibt Juden, die durch den Blick von Nicht-Juden zu Juden werden. Auf die Moslems von "Yasmin" übertragen, gehört der Vater zur ersten und seine Tochter zur zweiten Kategorie. Vor dem 11. September hat sie lachend behauptet, seit Jahren in keiner Moschee gewesen zu sein. Danach wird sie dorthin zurückkehren, nachdem ihre Clique auf Distanz geht, ihr Heim von Einsatzkommandos gestürmt und sie ohne die Spur eines Verdachts inhaftiert wird; Britanniens Moslems sind die neuen Iren, schuldig bis zur Beweis der Unschuld.

"Yasmin" ist eines dieser seltenen Filmexemplare, das die Präzision eines Lehrstücks mit mühsam unterdrückter Wut verbindet; nüchtern in seiner Analyse der unleugbaren Multikulti-Barrieren und leidenschaftlich in seiner Verzweiflung darüber, daß der Terrorismus eines seiner Ziele erreicht hat: den Westen zum Abbau von Freiheiten zu veranlassen, die ihm seine Überlegenheit erst verschafft haben.

Drama

Yasmin GB 2004. 87 min. R: Kenny Glenaan. D: Archie Panjabi, Renu Setna. o.Aa.

Bilder, wie sie uns das Fernsehen nicht zeigt