"Diese Frauen führen ein Doppelleben"

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Simon Beaufoy schrieb mit "Ganz oder gar nicht" den weltweit erfolgreichsten britischen Film aller Zeiten. Der in Yorkshire geborene Drehbuchautor ist Spezialist für Komödien mit sozialkritischem Hintergrund, darunter "Zwischen Himmel und Erde" und "Über kurz oder lang". Hanns-Georg Rodek hat mit ihm gesprochen.

Ihre Stripper-Helden aus "Ganz oder gar nicht" - was würden die heutzutage vermutlich tun? Simon Beaufoy: Vermutlich füllen sie Regale in Supermärkten. Oder reparieren Autos. Und haben keinen festen Arbeitsplatz, bloß einen Job. Das heißt: Bei genauerem Nachdenken dürften sie von Stütze leben und sich die Zeit mit Fischen vertreiben.

Das klingt nach Mike Leigh- oder Ken Loach-Figuren. Wo stehen Sie zwischen diesen beiden? Ich bin in ihrer Tradition des sozialen Realismus groß geworden. Aber es ist schwer, hierzulande Filme zu machen wie sie. "Yasmin" etwa ist in fast ganz Europa ins Kino gekommen - nur nicht in seinem Heimatland.

Sie sind die große Ausnahme im englischen Kino: Ihre Filme spielen nicht in London, sondern sämtlich in Nordengland. Das stimmt. Ich versuche, von dort loszukommen, aber es zieht mich immer wieder zurück.

In "Yasmin" steckt aber mehr als Heimatnostalgie?

Wir sind ganz anders vorgegangen als bei einem normalen Drehbuch. Wir haben uns mit der moslemischen Gemeinschaft in Yorkshire in Verbindung gesetzt und sie gefragt: ,Was sind eurer Meinung nach die wichtigen Themen nach 9/11?' Wir haben fast ein Jahr mit den Leuten gearbeitet, obwohl die anfänglich unglaublich mißtrauisch waren.

"Yasmin" wird aus der Perspektive einer Muslimin erzählt. An die war wohl besonders schwer heranzukommen?

Viele dieser Frauen führen ein Doppelleben zwischen westlicher Moderne und islamischer Tradition, wie Yasmin, beide Lebenshälften sind völlig voneinander abgeschottet.

Gab es ein konkretes Vorbild? Es gab eines, und sie führt dieses Doppelleben immer noch. Sie ist Fernsehregisseurin - angesehen, gutbezahlt, komfortable Mittelklasse - und lebt mit ihrem Freund in London. Ihre Eltern glauben jedoch, sie sei auf den Bermudas. Unglaublich, aber nötig, weil ihre Eltern ihr Leben nie akzeptieren würden. Wir haben ihr den Film gezeigt, und sie meinte: ,Ja, das ist mein Leben, nur ist das noch komplizierter.'

Was an "Yasmin" besonders verblüfft, sind diese Parallelwelten, die nichts voneinander wissen. Ich bin in den Siebzigern, Achtzigern bei Keighley aufgewachsen und hatte keinerlei Kenntnis von der nahen asiatisch-britischen Gemeinschaft, so groß sie damals schon war. Ich war auch nicht neugierig. Hier war eine Straße nur mit Briten, dort eine nur mit Asiaten. Keinerlei Austausch. Das ändert sich erst jetzt - und langsam.

Und welche Rolle spielt dabei der 11. September? Nach dem 11. September hat ein Teil der jungen Moslems in Großbritannien der westlichen Kultur komplett den Rücken gekehrt, kein sehr großer Teil, aber ein einflußreicher.