Nationalität: unbestimmt

Sie sieht so bezaubernd aus in ihrem weißen Kleid. Und es soll der schönste Tag in ihrem Leben werden. Doch trauriger als Mona (Clara Khoury) hat selten eine Braut geguckt. Sie feiert im Kreis ihrer Lieben, aber sie weiß, daß sie keinen von ihnen je wieder sehen wird. Und: Der Platz neben ihr ist leer. Denn der Bräutigam wartet auf der anderen Seite der Grenze. Der real existierende Irrsinn auf den Golan-Höhen: Seit dem Sechs-Tage-Krieg 1967 von Israel besetzt, verständigen sich Familien, die auseinander gerissen wurden, per Megaphon über den Grenzzaun. In ihrem Paß steht "Nationalität: unbestimmt". Zwar können die dort lebenden Drusen israelische Städte besuchen. Reisen sie aber nach Syrien, haben sie das Recht zurückzukehren, verwirkt. Genau das ist das Schicksal von Mona, die ihren Bräutigam, einen syrischen Soap-Darsteller, nur aus dem Fernsehen kennt.

Hochzeiten sind nicht erst seit Altmans "A Wedding" oder Coppolas "Der Pate" ein probates Mittel, um soziale Strukturen und ihre Risse, Rituale und deren entleerte Werte aufzudecken. Die Familie feiert sich als Keimzelle der Gesellschaft, und doch brechen immerzu Konflikte auf, die sie von innen wie von außen bedrohen. Dem folgt auch der israelische Regisseur Eran Riklis, der 1991 mit "Cup Final" international bekannt wurde und dessen Erstling bereits "On a Clear Day You Can See Damascus" hieß. "Die syrische Braut" legt den Finger in die offene Wunde der Golan-Höhen, deren Besetzung noch immer jegliche Annäherung zwischen Israel und Syrien unmöglich macht.

Die Hochzeit wird ganz real von außen bedroht: von einer Demonstration der Drusen für den neuen syrischen Präsidenten. Nicht nur, daß ein Bruder der Braut deshalb im Verkehrsstau stecken bleibt. Der Vater, bis vor kurzem inhaftiert wegen pro-syrischer Aktivitäten, steht noch immer unter Beobachtung der israelischen Ordnungshüter und will dennoch mitmarschieren. Doch die Familienbande bröckeln längst auch von innen. Der älteste Sohn hat eine Russin geheiratet: ein Affront gegen die religiösen Gebote, die nur Hochzeiten unter Drusen gestatten. Wenn der Vater ihn empfängt, droht auch ihm die Ächtung. Die älteste Tochter Amal (Hiam Abbas) leidet still unter ihrer lieblosen Ehe, hat aber, was die Gemeinde ebenfalls erzürnt, buchstäblich die Hosen an und will in Haifa Sozialarbeit studieren. Ihre älteste Tochter wiederum liebt heimlich einen Kollaborateur. Um aus diesen engstirnigen Verhältnissen auszubrechen, scheint eine arrangierte Ehe mit einem Fremden nicht das Schlechteste.

Zusammengeschweißt wird die Familie erst wieder durch die demütigende Bürokratie, und zwar auf beiden Seiten. Am Grenzübergang knallt der israelische Beamte einen neuen Ausreisestempel in den Paß der Braut, den der Syrer auf der anderen Seite nicht anerkennen will, weil das hieße, auch die Besatzung zu akzeptieren. Ein neutrales Rot-Kreuz-Mädel muß nun ständig zwischen den Grenzposten hin und her stapfen, während die Familie in sengender Hitze ausharrt und die Braut nicht vor, aber auch nicht mehr zurück kann.

Bei einer Voraufführung des Films in Berlin verließ ein Vertreter der syrischen Botschaft verärgert den Saal und sprach von "israelischer Propaganda". Nichts könnte falscher sein: Riklis" Film, mit Ausnahme der palästinensischen Hauptdarstellerin Hiam Abbas ausschließlich mit israelischen Darstellern besetzt, beschönigt keine der beiden Seiten, zeichnet vielmehr ein sehr realistisches Bild sehr surrealer Verhältnisse. In denen, da macht das Verhalten des Botschaftsvertreters keine Ausnahme, die Männer trotzig auf ihren Positionen beharren, während die Frauen sanfte, kleine Veränderungen wagen. So gesehen ist "Die syrische Braut" auch ein Emanzipationsfilm, mit Grenzüberschreitungen im realen wie im übertragenen Sinn. Ein bewegendes Werk, das eine klare politische Botschaft hat und sie doch nicht vor sich her trägt wie die Demonstranten im Film.

Drama

Die syrische Braut Israel /D/F 2004. 97 min. R: Eran Riklis. D: Hiam Abbas, Clara Khoury. o.Aa.

Kaum zu glauben - und doch traurige politische Realität