Das Reale ist ein duftender Kuchen

Nach Utopia kommt man mit dem Bus. Man steigt aus inmitten einer gottverlassenen Steinwüste und alle Erinnerungen an das frühere Leben scheinen ausgelöscht.

Foto: Zorro

Nach Utopia kommt man mit dem Bus. Man steigt aus inmitten einer gottverlassenen Steinwüste und alle Erinnerungen an das frühere Leben scheinen ausgelöscht. Ein freundlicher älterer Herr bringt einen dann mit dem Pkw in die Stadt, und wenn man ihn fragt: "Wo fahren wir hin?", dann antwortet er: "Zu Ihnen nach Hause".

In "Anderland", jenem sterilen, fahlen Nicht-Ort, den der norwegischen Regisseur Jens Lien in seinem zweiten Kinofilm entwirft, wird der Neuankömmling in ein adrettes Appartement gekarrt, er bekommt einen Job und er lernt eine hübsche Frau kennen, die sich, wie alle anderen auch, ausschließlich für Inneneinrichtungen interessiert - wir sind schließlich in Skandinavien. Nur ein zum Zweifel begabter Mensch wie Andreas (Trond Fausa Aurvåg) leidet darunter, dass das Essen und der Sex hier nach nichts schmecken und dass es weder Kinder gibt noch den Tod. Das ersehnte Reale findet dieser Film dann im Bild eines ofenwarmen, duftenden Kuchens, der hinter einer dicken Kellerwand mit Vulva-artiger Öffnung verborgen liegt.

Natürlich teilt dieser mal sehr düstere, dann wieder höchst aberwitzige Film die Sehnsüchte seines Helden nach dem Echten jenseits der perfekt möblierten Oberflächlichkeiten. Anstatt die Prämissen seiner Anti-Utopie konsequent auszubuchstabieren, operiert er nur auf jenem unausgereift-pubertären Weltschmerz-Level, auf den sich Bewohner realer Scheinwelten schon immer allzu umstandslos einigen konnten.