Herein, wenn's kein Rumsfeld ist

Das junge Europa trägt bunte Batik- oder Message-T-Shirts, coole Turnschuhe, stylt sich die kunstvoll verwirrte Bettfrisur mit Haargel, hört Radiohead oder Daft Punk und will das universitäre Fortkommen möglichst mit erotischen und narkotischen Genüssen verbinden - äußerlich unterscheiden sich die in Barcelona zum Aufbaustudium versammelten Postgraduierten aus sieben Ländern nur wenig. Allenfalls die zurückhaltende Engländerin Wendy (Kelly Reilly) fällt ein bisschen aus der Reihe. Doch hinter dem globalen Einheitslook der Spätpubertät verbergen sich Unterschiede, die das Zusammenleben in der Studenten-Wohngemeinschaft nicht nur für den Franzosen Xavier (Romain Duris) zu einer spannenden Erfahrung machen -

und das obwohl er am Ende des Trennungsjahrs seine Freundin (immerhin Audrey Tautou) verloren hat.

In Frankreich und Spanien war "L'auberge espagnole - Barcelona für ein Jahr" von Cédric Klapisch ("Jeder sucht sein Kätzchen") der Sommerhit 2002. Da hatte Rumsfeld sein Bonmot vom "Alten Europa" noch nicht ausgesprochen, aber der Film sieht (im besten Sinne) ein bisschen so aus, als hätte irgendeine geheime EU-Propagandaabteilung ihn drehen lassen, um den alten Ami zu widerlegen. So ist zwar die Demarkationslinie im Zimmer des Italieners (Federico D'Anna) und des Deutschen (Barnaby Metschurat) so scharf konturiert, als grenzten die Slums von Palermo an die Vorgärten von Schwaben, aber das Zusammenleben der beiden wird dadurch nicht belastet. Nur Wendys Bruder kann sich die Bemerkung nicht verkneifen, die deutsche Ordnung habe doch mit Hitler angefangen.

Dabei ist das bürokratischste Land Europas eindeutig Frankreich: Diese vernachlässigte Wahrheit bekommt der Zuschauer vor Augen geführt, wenn Klapisch mit Bauplänen, Zeitrafferfahrten durch Behördenkorridore und eingeblendeten Formularen den Kafka-Kurzroman illustriert, den Xavier durchlebt, bevor ihn das Austauschprogramm Erasmus endlich nach Barcelona schickt.

Dort lernt er nicht nur etwas über Spanien und seine Ökonomie: Die Uni heißt auf Französisch "Fac", was bei der Engländerin größte Heiterkeit hervorruft. Der Fac widmen die Protagonisten im Laufe ihres gemeinsamen Jahres immer weniger Energie als dem Fuck und seinen Folgen: Der Däne Lars (Christian Pagh) und die Spanierin Soledad (Christina Brondo) müssen damit fertig werden, dass irgendwann eine Ex-Freundin von Lars mit dessen kleinem Sohn vor der Tür steht. Die schöne belgische Lesbe Isabelle (Cécile De France) lässt sich von ihrer Flamencolehrerin verführen und gibt ihrerseits Xavier Tipps, wie er die Frau eines französischen Neurologen gewinnen kann. Und sogar Wendy fällt irgendwann in die Arme eines etwas blöden, aber umso virileren Amerikaners, der so schön am Brunnenrand auf der Gitarre "No Woman, No Cry" spielen kann.

In solchen Momenten steuert der Film manchmal mit Volldampf auf die ältesten Klischee-Eisberge der erotischen Komödie zu, aber er umschifft sie, genauso wie die Riffe der nationalen Stereotypen, immer kurz vor dem drohenden Untergang. So ist Kellys Bruder zwar ein nervtötender "Lad", der Wörter und Alkohol nicht lange bei sich behalten kann, aber er ist zugleich einer der vitalsten Charaktere des Films und rettet geistesgegenwärtig seine Schwester davor, in flagranti erwischt zu werden - ausgerechnet indem er sich als schwul ausgibt.

Der deutsche Verleih hat den Film dankenswerter Weise nicht totsynchronisiert - nur die Stimme des Off-Erzählers erklingt deutsch. Denn das Gewirr der Sprachen, zwischen denen die WG-Insassen hin und her zappen (Katalanisch in der Uni, Spanisch, wenn William nicht mithören soll, Französisch, wenn Isabelle und Xavier kleine Geheimnisse haben, und Englisch, wenn es alle angeht) trägt grundlegend zur Atmosphäre und zur Komik dieser spanischen Herberge bei. Neben dem Telefon im Flur hängen die Landesflaggen und daneben nur ein Satz in der entsprechenden Sprache: "XY ist in der Uni und komm erst heute Abend wieder nach Hause". Das ist der rührende Versuch, das Leben in der WG mit einer eigenen kleinen EU-Norm zu regulieren.

Interessant wird es, sobald diese Ordnungsprinzipien ins Wanken geraten. Am Ende flieht Xavier vor dem Bürojob im Finanzministerium, auf den er sich eigentlich in Barcelona vorbereiten wollte, und beschließt, seinen Kindertraum vom Schriftstellerleben zu verwirklichen. Sein erster Roman heißt naturgemäß "L'auberge espagnole".

Optimistisch wie er ist, trägt der Film seine Botschaft, das Chaos des zusammenwachsenden Europa entspreche dem Chaos jugendlicher Sinnsuche, manchmal überdeutlich vor. Aber diese Direktheit ist dem Sujet angemessen: Sie wirkt wie der Erzähldrang eines jungen Menschen, der alles, was ihm zustößt, noch für eine ganz einzigartige und unbedingt mitteilungswürdige Erfahrung hält.