Kontra

Beistand statt Beihilfe

Prof. Dr. H. Christof Müller-Busch, Palliativmediziner und Autor in Berlin, fordert eine ganz andere Diskussion

Ich denke, wir sollten viel intensiver über Suizidprävention nachdenken als über Suizidbeihilfe. Da der Suizid keine Straftat ist, kann auch die Suizidbeihilfe in Deutschland nicht strafrechtlich verfolgt werden. Dies ist eine ausreichend gute Gesetzeslage. Durch ein gesetzliches Verbot mit Ausnahmeregelungen, aber auch durch die Etablierung von „Sterbehilfevereinen“ wird die Diskussion entweder tabuisiert oder in die falsche Richtung gelenkt.

Auch wenn Suizide sicherlich nicht immer verhindert werden können, gibt es doch durch die Palliativversorgung sehr viele Möglichkeiten, den Ängsten vor Schmerzen, Atemnot und anderen belastenden Symptomen am Lebensende zu begegnen. Diese Ängste, aber auch die Angst vor Einsamkeit und davor, andere zu belasten, bewegen besonders alte Menschen. Leider gibt es bei der verständnisvollen Auseinandersetzung mit Sterbewünschen noch große kommunikative Defizite in der Ärzteschaft, die dringend verbessert werden müssen. Was dagegen den fachkundigen Beistand bei einem Wunsch nach Selbsttötung angeht, stellt sich die Frage, ob die Ärzteschaft der geeignete Berufsstand ist. Auch wenn ärztliche Beteiligung am Suizid trotz unterschiedlicher berufsrechtlicher Regelungen in den Landesärztekammern nicht bestraft wird, hinterlässt doch jedes Bündnis Spuren, die die Sinnbestimmung des eigenen Handelns in Frage stellen.

Eine Selbsttötung beendet in der Regel einen Konflikt, ohne das dahinter stehende Problem zu lösen. Was wir dringend brauchen, ist eine Diskussion, ob gesetzliche Regelungen der Selbsttötung mit Ausnahmen, aber auch die Selbsttötung selbst „gute Lösungen“ sind – oder ob nicht letztlich mehr Probleme geschaffen werden. Bei allem Respekt vor dem Einzelfall: Jeder Suizid hinterlässt Spuren, der auch ein Versagen im sozialen Miteinander dokumentiert. Untersuchungen in der Schweiz zeigten, dass nach begleiteten Suiziden posttraumatische Belastungsreaktionen bei Angehörigen häufiger auftraten als bei andern Todesarten.

Auch wenn sich ein überwiegender Teil der Bevölkerung eine Legalisierung der Sterbehilfe wünscht, sollten der ärztlich assistierte Suizid oder gar die Tötung auf Verlangen nicht als Garant für ein würdigeres Sterben angesehen werden. Insofern ist Suizidprävention und die Auseinandersetzung mit Wünschen nach Sterbehilfe vor allem eine gesellschaftliche und soziale Herausforderung.