Tierfreund

Warum auch Fische seekrank werden können

Dr. Mario Ludwig über die Funktionsweise von Gleichgewichtsorganen und Meeresbewohner, die Purzelbäume schlagen

Wir Menschen reagieren an Bord eines Schiffes auf starken Seegang häufig mit heftiger Übelkeit und Schwindel. Bei rauer See bringen unsere Sinnesorgane nämlich das Gehirn ganz gewaltig durcheinander. Die Augen und das im Ohr befindliche Gleichgewichtsorgan melden dem Gehirn einen ständigen Bewegungswechsel. Der Körper allerdings bewegt sich nicht selbst in diesem Rhythmus, sondern wird durch den Seegang bewegt. Und letztendlich weiß das Gehirn einfach nicht mehr, worauf es vertrauen soll. Die Folge ist: Man wird seekrank. Aber wie sieht das mit Tieren aus, die ständig im Wasser leben? Können beispielsweise Fische seekrank werden?

Ja, auch Fische können seekrank werden. Das Innenohr von Fischen ist – zumindest was das Gleichgewicht betrifft – nämlich ähnlich aufgebaut wie bei uns Menschen.

Fische können sich jedoch gut schützen. Wird ihnen die See zu stürmisch und Übelkeit und Schwindel drohen, tauchen die Meerestiere ins tiefere, ruhigere Wasser ab oder verstecken sich in Felsspalten. Ein wenig anders sieht es aus, wenn Fische in ein Netz geraten sind und beim Einholen desselben rasch in Richtung Meeresoberfläche gezogen werden. Dann können die Meeresbewohner seekrank werden. Ähnlich verhält es sich mit Zierfischen fürs Aquarium, die in einem Auto transportiert werden. Auch hier ist oft eine heftige Seekrankheit vorprogrammiert. Und woran kann man erkennen, ob ein Fisch seekrank ist? Bei uns Menschen ist das nicht sonderlich schwer. Wir werden blass um die Nase und dazu steht uns auch noch der kalte Schweiß auf der Stirn. Fische dagegen beginnen sich zu drehen, wenn sie seekrank werden. Mit Hilfe der Drehungen versuchen sie verzweifelt, ihre unangenehme Lage wieder in den Griff zu bekommen. Sieht man also einen Fisch, der Purzelbäume schlägt, weiß man, dass der arme Kerl mit der Seekrankheit zu kämpfen hat. Und hat die Seekrankheit einen Fisch so richtig erwischt, dann schlägt sie ihm genau wie uns Menschen auf den Magen und er muss den Inhalt desselben dem Meeresgott Neptun opfern.

Aber was passiert eigentlich, wenn der Blitz in einen See einschlägt? Im Prinzip müssten die Fische reihenweise das Zeitliche segnen. Schließlich heißt es doch bei uns Menschen bei einem nahenden Gewitter immer: „Nichts wie raus aus dem Wasser!“ Eine Aufforderung, der Fische nur schwerlich Folge leisten können.

Doch Fische müssen sich vor einem Blitzeinschlag nur mäßig fürchten. Der Hauptgrund liegt in der Tatsache begründet, dass das Wasser unserer Seen und Flüsse jede Menge gelöster Stoffe enthält und damit ein sehr guter Stromleiter ist. Für die Fische und andere Wasserbewohner ist diese auf den ersten Blick erschreckende Erkenntnis eher ein Vor- als ein Nachteil, da sich die Energie des Blitzes im Wasser in alle Richtungen verteilt. Sie „verdünnt“ sich also quasi, so dass die Wasserbewohner schon in einigen Metern Entfernung von der Einschlagstelle nur noch wenig zu befürchten haben. Und dann gilt auch noch: Je kleiner, desto weniger gefährdet. Je größer ein Objekt dagegen ist, umso größer ist die sogenannte Spannungsdifferenz. Will heißen: Je größer das Lebewesen ist, umso mehr Strom fließt durch den Körper. Ein Karpfen ist da weit weniger gefährdet als ein Mensch.

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, wie sich unsere Fische in harten Wintern verhalten, wenn die Gewässer an der Oberfläche zugefroren sind. Was die Fische rettet: Das Tiefenwasser von größeren Seen hierzulande wird niemals kälter als vier Grad Celsius, denn bei dieser Temperatur hat Wasser die größte Dichte und sinkt deshalb nach unten. Daher halten sich die Fische im Winter auf dem Grund der Seen auf und halten Winterruhe. Ihr Herz schlägt nur sehr langsam, sie atmen weniger und zehren von ihren angefutterten Energiereserven.

Dr. Mario Ludwig ist Biologe und einer der bekanntesten Tierbuchautoren Deutschlands. Er schreibt an dieser Stelle über Phänomene in der Tierwelt.