Berliner helfen

Kampf um kleine Freiheiten

Jens Müller hat keine Arme und Beine - und keine Familie. Dennoch möchte er gern so weit wie möglich unabhängig sein

Der Stein liegt noch da. Ein grauer Betonquader, dafür gedacht, Wege und Einfahrten zu pflastern. Jemand hat ihn durchs Fenster geworfen. An einem Abend im April, als Jens Müller gerade eingezogen war in seine neue Erdgeschosswohnung in Kreuzberg. Als die Einbrecher kamen, war er nicht zu Hause. Sie durchwühlten die gesamte Wohnung, nahmen mit, was sie für wertvoll hielten, ließen die Tür offen stehen. Doch selbst wenn er zu Hause gewesen wäre, er hätte nichts gegen die Täter unternehmen können. Jens Müller, 43, hat keine Arme und Beine.

Ein Einbruch in die eigene Wohnung ist auch für Menschen, die sich physisch verteidigen könnten ein Schock. Nicht nur wegen des Verlusts von Wertsachen. Es ist die Erkenntnis, dass jemand einem zu nahe gekommen ist, jemand, der einem Böses will, die Menschen tief verunsichert. Sie wirkt oft lange nach. Jens Müller hat, um sich zu verteidigen, nur seine Stimme. Er ist ohne Arme und Beine zu Welt gekommen. Ohne andere Menschen kann er praktisch nichts tun. Nicht zurückschlagen, weglaufen, nicht mal das Handy holen. Er ist gezwungen, anderen zu vertrauen. Seit dem Einbruch fällt ihm das noch schwerer als bisher.

Die Wohnung in Kreuzberg sollte ein Neuanfang werden, wieder einmal. Zwar hatte er schon früher eine Wohnung – wir berichteten darüber 2012. Damals schien alles gut. „Nur noch das Geschirr fehlt“, sagte Müller uns damals. Doch dann stellte sich heraus: Die Wohnung hatte kein behindertengerechtes Bad, nur eine Badewanne. Zu hoch für seine Assistentin, eine 59-Jährige, die ihn seit 2001 regelmäßig betreut. Und auf den Pflegedienst war kein Verlass. Einmal vergaßen sie ihn nachts, ein anderes Mal kippte er beim Waschen in die volle Badewanne.

Die Erdgeschosswohnung in Kreuzberg erschien da wie eine Rettung, sie ist rollstuhlgerecht und hat ein geeignetes Bad. Doch noch ist er in seiner Wohnung gar richtig ankommen. Dass ihm der Einzug schwer fällt, liegt auch an der Angst – bisher wurden die Täter nicht gefasst. „Außerdem fehlen uns immer noch fast alle Möbel“, sagt Müller. Einiges ist beim Umzug kaputt gegangen, andere Teile sind Notlösungen, die niemand mehr habe wollte. Anderes ist nur geliehen. Zwar hat Müller Anspruch auf Hilfen durch das Sozialamt, doch mit dem, was ihm zusteht, lässt sich eine Wohnung nicht wirklich wohnlich einrichten. Also leben er und seine Assistentin meist noch immer bei Freunden oder im Hotel.

Warum, könnte man fragen, wird jemand mit einer solchen Behinderung nicht in einem Heim betreut? Jens Müller schüttelt auf solche Fragen nur den Kopf und versucht, geduldig zu bleiben. Er weiß, dass sein Leben für Menschen mit Armen und Beinen ohnehin nur schwer vorstellbar ist. Am schwierigsten aber ist es offenbar für die meisten, das Naheliegendste zu verstehen: Dass Jens Müller Wünsche und Träume hat wie alle anderen Menschen auch.

Freiheit, das ist das Oberthema für alle. Auch für Müller, der sich schon als Kleinkind selbst beibrachte, ohne Hilfe voranzukommen. „Ich konnte sogar die Treppe hinunter hopsen“, er lächelt. Später lief er mit Prothesen und einem Beckenkorb, dann wurde sein Körper zu schwer. Das Rückgrat verformte sich. Er lebt seit vielen Jahren mit starken Schmerzen und Medikamenten. Und sitzt im Rollstuhl.

Aufgewachsen ist Jens Müller in Sachsen, in einem Heim für behinderte Kinder. Seine Mutter gab ihn weg, als er klein war, sein Vater bekam ihn nie zu sehen. Als er 18 war, wurde ihm klar, welche Zukunft einen wie ihn erwartete. Ein Leben im Pflegeheim, in Gesellschaft von Menschen, viel älter als er und mehrfach behindert. „Ich möchte mir aber nicht mit jemandem das Zimmer teilen und mir sagen lassen, was ich zu tun habe und wann abends das Licht ausgemacht wird.“

Also tat er etwas, was niemand ihm zugetraut hätte: Er ging er fort. Er entdeckte das Reisen. Er fand Freunde, die ihn mitnahmen, aufnahmen, ihm halfen, zumindest immer für eine Weile. Wenn er könnte, wäre er gern Reisebusfahrer geworden. „Je weiter weg, desto besser.“ Er ist nicht Busfahrer geworden. Aber reisen tut er, sofern es ihm möglich ist.

Jens Müllers Leben ist, seit er auf der Welt ist, ein Kampf um Freiheiten wie diese. Als er erwachsen war, ließ er seine Familie suchen und fand sie sogar. Die Mutter sagte ihm: Sie wolle keinen Kontakt, sie habe kein behindertes Kind gewollt. Die Verwandten waren erstaunt und hilflos: „Sie hatten wohl geglaubt, ich sei bei der Geburt gestorben.“ Nur das Kindergeld, das der Mutter für ihren behinderten Sohn ausgezahlt wurde, das nahm sie, berichtet Jens Müller. Das Geld wird lebenslang ausgezahlt – sofern die Eltern für ihre Kinder sorgen. In Müllers Fall steht es ihm selbst zu. Einen Teil der Summe erstritt er sich vor Gericht zurück. Er ist stolz darauf, das war ein Sieg. Doch das Gefühl, wenn die Mutter einen im Stich lässt, lässt sich mit Geld nicht lindern.

Vor kurzem hat er noch einmal Kontakt zu ihr aufgenommen. Es ging um die Ursache seiner Behinderung. Die Ärzte halten es für wahrscheinlich, dass sie durch das Schlafmittel Contergan verursacht worden sein könnte. Das Medikament wurde in der Bundesrepublik hergestellt, aber auch in der DDR verabreicht. Bis zu 10.000 Kinder kamen mit Missbildungen zur Welt. Würde seine Mutter bestätigen, dass auch sie damals das Medikament nahm, hätte Müller eine Chance auf eine Entschädigung gehabt. Aber sie tat es nicht.

So wird Jens Müller weiterhin das einzige tun, was ihm bleibt, wenn er sich etwas wünscht. Ob nun passende Möbel für die Wohnung oder eine Reise, schöne Dinge eben, die in kein Antragsformular passen: Dann stellt er sich in eine Fußgängerzone und bittet lauthals um Spenden.