Interview

„Die Schule als Hort des Analogen? Das ist nicht mehr zeitgemäß“

Internet-Botschafterin Gesche Joost fordert Digitalkunde

Warum sollten Schülerinnen und Schüler programmieren lernen? Wie sollte Informatik-Unterricht aussehen? Welche Vorbilder gibt es für Deutschland in Sachen digitale Bildung? Darüber sprachen wir mit Gesche Joost, Professorin für Designforschung an der Universität der Künste Berlin (UdK) und seit März 2014 Deutschlands offizielle Internetbotschafterin in der Europäischen Union. Die sogenannten „digital champions“ aus allen Mitgliedsländern diskutieren in Brüssel regelmäßig die europäische Netzpolitik und tauschen sich über Ideen und Initiativen aus, die den digitalen Wandel vorantreiben.

Berliner Morgenpost:

Frau Joost, warum ist Programmieren so wichtig?

Gesche Joost:

Ich finde, dass Programmier-Kenntnisse heute zum Bürger-Sein dazu gehören. Ein mündiges Mitglied der Gesellschaft braucht das Wissen, um der digitalen Welt nicht ausgeliefert zu sein und sie selbst mitgestalten zu können. Es geht auch darum, sich und seine Daten schützen zu können. Genau. Nicht zuletzt wird das Programmieren auch in der Arbeitswelt immer wichtiger. Bei uns in der Forschung zum Beispiel geht nichts ohne Programmieren. Schon um eine Website umzugestalten, braucht man Basiswissen.

Aber muss Programmieren gleich zu einem verpflichtenden Schulfach werden?

Ich bin kein Gegner von denen, die Informatik als Pflichtfach fordern. Da muss man allerdings diskutieren, ab welcher Jahrgangsstufe und in welcher Form das sinnvoll wäre. Aber allein um das Programmieren geht es ja gar nicht.

Sondern?

Es ist wichtig, dass alle Schülerinnen und Schüler möglichst früh den Umgang mit Technik einüben. Damit gerade auch die Mädchen sehen: Das kann richtig Spaß machen, und so schwer ist es nun auch wieder nicht! Außerdem sollten die Kinder und Jugendlichen umfassende digitale Kompetenzen entwickeln.

Wie denn?

Am besten wäre es, das, was ich Medienkompetenz oder Digitalkunde nenne, in alle Fächer zu integrieren. Also Programmieren genauso wie digitales Recherchieren und Mediengestaltung. Wie gehe ich mit Quellen aus dem Internet um? Das wäre eine gute Aufgabenstellung für den Deutschunterricht. Wie man selbst eine Grafik erstellt, könnte in Erdkunde gelehrt werden. Es gibt viele tolle Möglichkeiten, Digitalkunde in der Schule zu verankern. Andere Länder sind uns da weit voraus, dort gibt es viel mehr Dynamik, was die digitale Bildung angeht. In Estland gehört Informatik schon seit zehn Jahren zum Lehrplan, in Großbritannien wurde Informatik gerade in das Curriculum aufgenommen.

Wie ist der Stand in Deutschland?

Bezeichnend ist, dass es noch nicht einmal zusammenführende Zahlen gibt, was den Informatikunterricht im gesamten Bundesgebiet angeht. Doch da soll sich etwas ändern. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung hat angestoßen, dass Bund und Länder gemeinsam eine digitale Lernstrategie entwickeln. Ende Juni treffe ich mich dazu mit der Bundesministerin Johanna Wanka.

Aber kommt die Initiative nicht etwas spät? Und gibt es überhaupt Personal, das die Ziele umsetzen kann?

Wenn wir jetzt anfangen, die Studienpläne umzuschreiben, damit wir in Digitalkunde ausgebildete Lehrer haben, müssen wir tatsächlich noch zehn Jahre warten, bis wir loslegen können. Aber es gibt schon jetzt sehr viele gute und leicht umsetzbare Lernmaterialien. Viele davon sind frei im Netz verfügbar. Außerdem können auch Externe Workshops in den Schulen abhalten, bis die Lehrerausbildung modernisiert ist.

Firmen wie Microsoft bieten solche Trainings an. Das wird bisweilen auch als PR-Kampagne kritisiert...

Das finde ich schade, wenn man solche Initiativen abtut. Ich finde das super. SAP zum Beispiel engagiert sich auch in Schulen. Wir fordern doch immer gesellschaftliches Engagement von Unternehmen, und hier ist es. Es bietet sich auch an, dass Stiftungen in dem Bereich tätig werden, etwa von Telekommunikationsunternehmen. Wenn sich die verschiedenen Communities miteinander verbinden, die bislang noch zu wenig miteinander zu tun haben, kann man mit Bordmitteln gleich starten. Der Wille, etwas zu tun, ist da. Aber ich stelle fest, dass es bei Lehrern und Eltern auch immer noch Zurückhaltung gibt. „Nicht auch das noch“, heißt es dann. Nicht wenige sehen die Schule als letzten Hort des Analogen. Aber das ist einfach nicht mehr zeitgemäß.