Tierfreund

Was ist eigentlich ein Marderhund?

Dr. Mario Ludwig über ein äußerst scheues, aber gar nicht mehr seltenes Tier in Deutschland und warum es auch Vorbehalte gegen den Waldbewohner gibt

Er sieht aus wie eine Kreuzung aus einem Waschbär und einem Marder, miaut wie eine Katze, läuft auf kurzen Dackelbeinen durchs Leben und ist hierzulande völlig unbekannt. Und das, obwohl mittlerweile nach Schätzung von Experten Zehntausende dieser fuchsgroßen Tiere mit der charakteristischen schwarz-weißen Gesichtsmaske und dem dichten, langen Haarkleid in unseren Wäldern leben. Allerdings werden Spaziergänger die zur Familie der Hunde gerechneten kleinen Räuber wohl niemals zu Gesicht bekommen, denn Marderhunde sind äußerst scheu und gehen erst in der Dunkelheit auf die Jagd. Tagsüber ziehen sich die Tiere in selbst gegrabene Höhlen, verlassene Fuchs- oder Dachsbaue oder ins dichte Unterholz zurück.

Die ursprüngliche Heimat des Marderhundes war Ostasien. Auf Betreiben der russischen Regierung wurden allerdings zwischen 1928 und 1956 rund 10.000 Marderhunde im europäischen Teil der damaligen UdSSR ausgesetzt. Einfach deshalb, weil man den Marderhund wegen dessen warmem und widerstandsfähigem Fell, das als „Ussurischer Waschbär“ und „Japanischer Fuchs“ gehandelt wurde, in der heutigen Ukraine als jagdbare Pelztier etablieren wollte.

Das Pelztier aus Fernost konnte in seiner neuen Heimat nicht nur überraschend gut Fuß fassen, sondern vermehrte sich auch kräftig, mit der Folge dass der Marderhund bald begann, sich mit einer jährlichen Durchschnittsgeschwindigkeit von etwa 40 km nach Westen hin auszubreiten. So tauchten 1943 die ersten Tiere in der Tschechoslowakei auf und hatten 1951 auch bereits Rumänien erobert. In Deutschland wurde der erste Marderhund 1962 in der Nähe von Osnabrück erlegt. Mittlerweile sind Marderhunde zu einem festen Bestandteil der deutschen Fauna geworden, mit Schwerpunkten in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein.

Wie viele Marderhunde es im Augenblick in Deutschland gibt,ist wegen der versteckten Lebensweise schwer einzuschätzen. Es dürften zwischen 100.000 und 150.000 Exemplare sein. Im Jahr 2008 lag die Zahl der erlegten Marderhunde, die seit 1996 in einigen Bundesländern dem Jagdrecht unterliegen, in Deutschland jedenfalls bereits bei über 30.000 Stück. Danach kam es durch zwei Erkrankungen, Räude und Staupe, vorübergehend zu einer Ausdünnung der Bestände. Inzwischen haben sie sich jedoch wieder erholt, so dass bereits 2012 wieder fast 19.000 Marderhunde erlegt wurden.

Dass sich Marderhunde mittlerweile derart bei uns in Deutschland breitgemacht haben, stößt nicht überall auf ungeteilte Freude. Jäger und Naturschützer beschuldigen den Marderhund immer wieder, er würde die Nester seltener bodenbrütender Vögel ausräumen. Tatsächlich haben Marderhunde in der Vergangenheit in einigen Teilen Europas beträchtliche Schäden angerichtet. So sind die kleinen Raubtiere beispielsweise im rumänischen Donaudelta mit großer Effizienz über Eier und Jungvögel diverser Vogelkolonien hergefallen. Einige Jagdverbände, aber zum Teil auch Naturschützer verlangen daher, die ungebremste Ausbreitung des Marderhunds durch Bejagung zumindest einzudämmen. Zumal Marderhunde bei uns, außer dem Uhu, keine natürlichen Feinde haben. Allerdings haben Nahrungsanalysen an Marderhunden durch Wissenschaftler des Naturkundemuseums Görlitz gezeigt, dass sich die Tiere in erster Linie von Mäusen, Insekten, Früchten, Abfällen und sogenanntem Fallwild (z. B. überfahrene Kleinsäuger) ernährt hatten – auch zur Brutzeit bodenbrütender Vögel. Auch zu einer von vielen Naturschützern befürchteten Verdrängung des körperlich unterlegenen Fuchses durch den Marderhund kam es bisher nicht – beide Arten leben im gleichen Revier munter miteinander.

Übrigens: Marderhunde sind in Gebieten, in denen viele Hirsche, Rehe oder Wildschweine geschossen werden, besonders zahlreich. Offensichtlich profitieren sie von dem hohen Angebot an Eingeweiden, das die Jäger im Revier als Nahrung für Aas fressende Wildtiere zurücklassen.

Dr. Mario Ludwig ist Biologe und einer der bekanntesten Tierbuchautoren Deutschlands. Er schreibt an dieser Stelle über Phänomene in der Tierwelt.