Inszenierung

Theater hilft beim Erwachsen werden

Im Galli Präventionstheater spielen Kinder und Jugendliche die Hauptrolle - auf der Bühne und als Zuschauer

Faul vor der Playstation oder dem Fernseher auf dem Sofa hocken – das ist die Welt von Adi. Sie igelt sich in dieser Welt ein. Kein Wunder: Sie ist dick und behäbig. Unbewusst schiebt das Mädchen pausenlos Essen in sich hinein, futtert Chips, Salzstangen und andere ungesunde Snacks. Als das geplante Treffen mit dem von Adi umschwärmten Rafael platzt, wächst ihr Frust ins Unermessliche. Also schnell noch ein Schokoriegel. Es überrascht nicht, dass dem Vielfraß übel wird. Gut, dass ihre Freundin Posi dazwischen funkt. Dieses quirlige Mädchen ist gertenschlank und beweglich. Sie überredet Adi schließlich, mit ihr zu tanzen. Natürlich kann die Dicke nicht mithalten, wenn sich Posi anmutig dreht, im Affenzahn herumwirbelt und ausdauernd ihre Beine schwingt. Wie schafft man es bloß, so fit zu sein?

„Adi und Posi“ ist ein Präventionstheaterstück von Johannes Galli zum Thema Freundschaft, gesunde Ernährung und Bewegung, das sich an Grundschulkinder richtet. Es wurde 2006 im Auftrag der City BKK in Zusammenarbeit mit der Charité, Bewegungstherapeuten, Ärzten und Ernährungswissenschaftlern entwickelt und ist neben vielen weiteren – zum Teil mehrfach preisgekrönten – Inszenierungen im Angebot des Galli Präventionstheaters. Vorbeugen ist besser als heilen. Ein Motto, das hinter dem Konzept der Theaterinszenierungen steht, die Kinder für Brennpunktthemen sensibilisieren sollen. „In den letzten 26 Jahren sind mehr als 50 Präventionsstücke entstanden“, berichtet Marion Martinez. Sie arbeitet seit 1988 als Schauspielerin, Trainerin und Clown und leitet das Galli Theater & Trainingcenter Berlin, das im Sommer sein 15-jähriges Bestehen in den Heckmann-Höfen feiert. Es hat sich etabliert mit einem Programm, das in Kitas, Schulen, Krankenhäusern, sozialen Einrichtungen sowie in der Therapie und Altenpflege eingesetzt wird. Zu Themen wie Sucht, Missbrauch, Umwelt, Gewalt, Mobbing oder auch Inklusion , hat Johannes Galli Theaterstücke entwickelt, die helfen sollen, Antworten auf aktuelle gesellschaftliche Fragestellungen zu finden.

Das Besondere an den Inszenierungen ist die Interaktion. Zuschauer bleiben nicht passiv vor der Bühne, sondern sind an einer Stelle immer Teil der Bühnenaktion. Im Stück „Adi und Posi“ werden Kinder auf der Bühne geholt, um spontan verschiedene Tiere zu imitieren. Marion Martinez: „Die Musik dazu hat der Theatergründer extra geschrieben. Die Kinder bewegen sich spielend durch verschiedene Tiere und lernen so deren spezifischen Eigenschaften kennen.“ Die Besucher werden zum Akteur und zur Bewegung animiert. So laufen sie zum Beispiel als Affe mit hängenden Armen im lässigen Schlenker-Schritt hin und her oder schleichen als geschmeidiger Tiger umher, der mit angespannten Muskeln immer auf dem Sprung ist. Auch nach dem Theaterstück gibt es ein Bewegungsprogramm. „Unsere Schauspieler sind auch als Galli Trainer® ausgebildet“, erklärt die Theaterleiterin. Sie ist selbst ursprünglich Lehrerin. Die gebürtige Katalanin aus Barcelona, die mit sechs Jahren nach Deutschland kam, spielt seit ihrer Kindheit Theater. „Das hilft, sich zu entwickeln und das Leben im Spiel zu verstehen“, sagt sie. Eine Erfahrung, die sie weiter geben möchte.

Das Theater legt Wert darauf, dass das Schauspieler-Team nicht nur auf der Bühne Zuschauer in seinen Bann zieht, sondern die Kinder beim interaktiven Teil des Theaterbesuchs auch im Anschluss begeistert. So mancher der Schauspieler hat als Kind oder Jugendlicher schwierige Situationen erlebt und erfahren, wie wertvoll das Theaterspielen auf dem Weg ins Erwachsenwerden sein kann. Stücke wie „Geisterstunde“, das sich mit dem Thema Heroin, Crystal oder Crack widmet, bekommen damit eine besondere Dimension. Was kann Präventionstheater bewirken? Der Verein Deutsche Kinderhilfe e.V. ist hinsichtlich dieser Frage neugierig geworden. Bei seiner Suche nach einem Projekt, das deutschlandweit angeboten werden soll, wurde der Verein auf das Galli Theater und sein Stück „Adi und Posi“ aufmerksam. Yade Lütz, Projektmanagerin der Deutschen Kinderhilfe, ist für den Bereich Ernährung und Bewegung zuständig. Sie hält nicht viel davon, mit erhobenem Zeigefinger gesunde Ernährung zu predigen. Sie sieht deshalb im Theaterspiel eine gute Alternative, das Bewusstsein zu schärfen: „So ein Stück bleibt haften“, meint sie.

Nachhaltig prägen – das soll Präventionstheater. Am besten klappt das bei Stücken, in denen Kinder oder Jugendliche selbst spielen. Dabei setzt das Galli Theater beim Kindertheater auf Märchen. „Das beliebteste Stück ist Hänsel und Gretel, denn arm zu sein, nicht geliebt oder allein gelassen zu werden – darin erkennen sich Schüler häufig selbst“, sagt Marion Martinez. Im Sommer ist mit sechsten Klassen die Präsentation des Märchens „Froschkönig“ geplant, die im Hof stattfinden soll. Martinez: „Die Aufführungen und Workshops sollen für alle möglich und finanzierbar sein. Deshalb wurde der Berliner Verein „Lichtmädchen e.V. – Märchen helfen Heilen“ gegründet. Wir schauen, was die jeweilige Schule oder Institution selbst tragen kann.“ Den Rest trägt der Verein, der auch von Berliner helfen unterstützt wird.