Fußball

„Eine frühzeitige Erkennung von Talenten ist nicht möglich“

Professor Arne Güllich über die DFB-Frühförderung im Fußball

Viele Eltern, deren Kinder Fußball spielen und Talent zeigen, haben schnell große Erwartungen: Mein Sohn hat das Zeug zum Fußballprofi! Sie hoffen auf einen Platz beim Nachwuchs eines Bundesligisten oder in einem Leistungszentrum. Doch wie sinnvoll ist diese Frühförderung? Arne Güllich hat sich als Sportwissenschaftler an der TU Kaiserslautern mit „Talentförderung, Selektion und De-Selektion im Fußball“ beschäftigt.

Berliner Morgenpost:

Kinder, die es in die Fußball-Frühförderung schaffen, erwarten, auf dem besten Weg zum Profi zu sein. Ihre Eltern auch. Ist diese Hoffnung berechtigt?

Arne Güllich:

Kaum. Die meisten Spieler, die früh in ein Leistungszentrum kommen, also zum Beispiel mit zehn oder zwölf Jahren oder noch jünger, sind mit höchster Wahrscheinlichkeit schon nach drei Jahren nicht mehr dabei. Das liegt daran, dass das System in erster Linie ein Selektionssystem ist. Einige Spieler bewähren sich, die anderen nicht. Für die werden neue Spieler geholt. Die Wahrscheinlichkeit, die ersten drei Jahre dort zu überdauern, liegt unter 50 Prozent, die ersten fünf Jahre sogar unter 30 Prozent. Die meisten Spieler erreichen im Leistungszentrum noch nicht einmal das Jugendalter.

Woran liegt das?

Wir wissen aus etlichen Untersuchungen: Eine frühzeitige Erkennung von Talenten ist nicht möglich. Das System, die Trainer, suchen sich Kinder heraus, die werden erprobt. Wer am Ende bleibt, weiß man am Anfang nicht. Man arbeitet z. B. mit 18 Spielern und am Schluss der Saison wird wieder ausgemustert. Der förderliche Effekt der Fußballfrühförderung ließ sich bislang noch nicht nachweisen. Insgesamt ist es also weniger ein Fördersystem, sondern vor allem ein Selektionssystem.

Welche Gruppen haben Sie für Ihre Untersuchung herangezogen?

Wir haben drei Studien durchgeführt. Zum einen haben wir alle Spieler, die ab 2001 in 13 Leistungszentren waren, über die Jahre untersucht. Das waren 1420 Spieler. Dabei kam heraus: Je früher man in ein Leistungszentrum eintritt, desto unwahrscheinlicher ist es, dass man am Ende noch dabei ist. Dann haben wir uns die 1059 Spieler der U-Nationalmannschaften von der U-15 bis zur U-19 in den Jahren 2001 bis 2013 angeschaut und haben registriert, wer es in der nächsten Saison wieder in die U-Nationalmannschaft schafft und welche Liga die Spieler als Erwachsene erreichen. Auch dort gilt: Je früher man in der U-Nationalmannschaft mitspielt, desto unwahrscheinlicher ist es, später in der 1. Bundesliga zu spielen. In einer dritten Studie haben wir die Werdegänge aller deutschen Spieler in der 1. und 2. Bundesliga zurückverfolgt, das waren 624 Spieler.

Und immer kommen Sie zum Schluss: Wer früh dabei ist, ist meist auch früh wieder raus. Ist Talentfrüherkennung so unberechenbar?

Das liegt an der Leistungsstruktur im Fußball, die ist sehr komplex. Man kann z. B. ein sehr schneller Spieler sein, mit einem sehr schnellen Antritt und sonst Durchschnitt. Oder man besitzt schon früh eine großartige Antizipation, eine sehr gute Spielerkennung. Wie sich solche Qualitäten weiterentwickeln, kann man aber kaum voraussagen. Die körperliche und auch charakterliche Entwicklung verläuft zudem sehr heterogen, gerade um die Zeit der Pubertät herum.

Und worin liegt das Problem dieser Selektion?

Grundsätzlich muss diese Förderung nicht schädlich sein. Aber die anderweitigen Kosten werden oft vergessen. Was es für acht- oder zehnjährige Kinder bedeutet, wenn sie aus ihrem Elternhaus geholt werden, den Wohnort wechseln und vielleicht in einem Internat untergebracht werden. Und drei Jahre später ist womöglich alles vorbei. Plötzlich müssen sie wieder nach Hause. Dort ging das Leben weiter, in der Schule haben sich Freundschaften und Cliquen gebildet. Und sie waren nicht dabei. Viele hören danach enttäuscht mit dem Fußball auf. Und alles, weil ihnen jemand den Floh ins Ohr gesetzt hat: Bei uns wirst du Profi.

Das ist bitter.

Der Verein hat ja kaum zusätzliche Kosten. Die hoffen natürlich, ein Talent frühzeitig zu binden. Sie probieren aus. Wer sich nicht bewährt, wird ausgetauscht. Man muss beim Fußball die Masse der Teilnehmer sehen, es gibt so viele Jungs, die spielen. Und die Leistungsabstände zwischen ihnen sind sehr gering.

Aber wird in Leistungszentren nicht besser trainiert?

Wir haben über drei Jahre die Entwicklung von Spielern in Leistungszentren mit denen von gleichaltrigen Spielern verglichen, die in der Bezirksliga spielen. Im Sprint, beim Stufen-Test, bei Übungen der Ballannahme und auch im Spiel. Das Ergebnis ist, dass die Jungen im Leitungszentrum zu jedem Zeitpunkt besser sind als die, die nicht im Leistungszentrum sind.

Also doch besser...

… aber es ergibt sich keine wirkliche Schere in den Leistungen. Die Jungen außerhalb der Leistungszentren haben vergleichbare Fortschritte, sie verlieren nicht den Anschluss. Die Abstände werden nicht größer. Ein echter Fördereffekt lässt sich also nicht darstellen.

Dafür ist der Druck im Leistungszentrum enorm …

… genau, und die Gefahr besteht, dass der Kern des Fußballspielens als Kulturgut verloren geht. Jungs stehen beim Sichtungstraining für die neue Saison am Zaun und hoffen, dass keiner dort so talentiert ist, dass er ihnen den Platz in der Mannschaft streitig macht. Und das manchmal schon in der U8 oder U9.

Was wäre Ihre Forderung?

Forderungen stehen mir nicht zu. Wichtig fände ich aber als erstes Ehrlichkeit. Der DFB und die DFL müssten den Kindern und Eltern ganz klar sagen: Ja, du hast ein Chance. Aber sie ist sehr gering. Sie liegt anfangs bei unter einem Prozent.

Das sagt natürlich keiner.

Oder man setzt, zweitens, das Einstiegsalter für Förderung hoch. Vor dem 14. Lebensjahr macht diese Art der Förderung nicht viel Sinn, das haben unsere Untersuchungen ergeben. Man könnte auch für jüngere Spieler das Einzugsgebiet begrenzen, damit niemand den Wohnort wechseln muss. Also sagen: Bis zu einem gewissen Alter wird nur regional eingezogen.

Was ist für Sie eine gute Förderung?

Wenn man am Ende sagt, es war eine gute und wertvolle Zeit, auch wenn das Kind kein Profi geworden ist. Man hat wertvolle Erfahrungen gehabt mit Kameradschaft, Mannschaftsgeist, Leistung und Fair Play.