Tierfreund

Was ist dran an der Legende vom Elefantenfriedhof?

Dr. Mario Ludwig über Zahnprobleme, ein phänomenales Erinnerungsvermögen und die Leidenschaft der Dickhäuter für alkoholhaltige Cocktails

Die Legende vom Elefantenfriedhof, an den sich die Elefanten zum Sterben zurückziehen, hält sich ziemlich hartnäckig und das aus gutem Grund: Es finden sich nämlich immer wieder vermeintliche Beweise für diese These.

In Afrika gibt es in der Tat einige Orte, an denen auffällig viele Elefantenknochen oder gar ganze Reihen von Elefantenskeletten gefunden werden. Die meisten dieser Orte liegen tief verborgen in schwer zugänglichen Sumpfgebieten. Eine Tatsache, die nicht unerheblich zum Mythos vom Elefantenfriedhof beiträgt. Allerdings wissen wir heute, dass es nicht irgendein uralter Instinkt ist, der alte Elefanten zum Sterben an bestimmte Orte treibt. Nein, der Grund ist wesentlich prosaischer: Es sind Zahnprobleme! Elefanten bekommen nämlich sechsmal im Leben neue Zähne. Ist der letzte Satz ihrer Kauwerkzeuge abgenutzt, können die Dickhäuter keine harten Äste oder Rinde mehr kauen und ziehen sich daher in sumpfige Gebiete zurück, wo sie weichere Nahrung finden und dann letztendlich auch sterben. Weil sich immer wieder Elefanten in gleiche Gebiete zurückgezogen haben und dort verstorben sind, ist der Mythos der Elefantenfriedhöfe entstanden.

Aber um das größte aller Landtiere ranken sich noch weitere Mythen und Legenden.So wird zum Beispiel jemandem, der über ein phänomenales Erinnerungsvermögen verfügt, gerne bescheinigt, dass er ein „Gedächtnis wie ein Elefant“ hat. In der Tat haben Elefanten ein ausgezeichnetes Gedächtnis. So können sich die Dickhäuter auch noch nach vielen Jahren hervorragend an bestimmte Wege, Geländeformationen und Futterquellen erinnern. Das ist auch bitter nötig, denn Elefanten legen oft Wanderungen über mehrere tausend Kilometer zurück. Und um da überleben zu können, müssen sie genau wissen, wo sich auf ihrer Wanderroute Wasser- und Futterplätze befinden. Gut dokumentiert ist eine Geschichte, nach der ein Jungtier, das im Alter von drei Monaten ein einziges Mal ein bestimmtes Wasserloch besucht hatte, den Weg dorthin auch 30 Jahre später wiedergefunden hat.

Auch an der Legende, dass Elefanten gerne Alkohol trinken, scheint etwas dran zu sein.Zumindest könnte man auf diesen Gedanken kommen, wenn man sich den berühmten Film „Die lustige Welt der Tiere“ anschaut. In diesem Film aus dem Jahr 1974 werden immer wieder torkelnde afrikanische Elefanten gezeigt, die angeblich durch den Genuss überreifer Früchte des Marulabaumes, die einen Alkoholgehalt von bis zu drei Prozent haben, völlig betrunken geworden sind. Dieses Märchen von den betrunkenen Elefanten hat sich über 30 Jahre gehalten, bis britische Wissenschaftler die Geschichte unter die Lupe genommen haben. Das Ergebnis war verblüffend: Die Elefanten können gar nicht betrunken sein. Die Wissenschaftler haben nämlich ausgerechnet, dass die Dickhäuter über das 400-fache ihrer normalen Nahrung an vergorenem Obst fressen müssten, um auch nur einen dezenten Schwips zu bekommen. Die Ursache für die Rauschzustände sind wahrscheinlich giftige Käferpuppen, die die grauen Riesen zusammen mit der Rinde der Marulabäume verzehren.

Allerdings sind Elefanten dem Alkohol alles andere als abgeneigt. 1984 hat man das in einem amerikanischen Zoo ausgetestet. Man ließ dort in einem ethisch vielleicht nicht ganz so glücklichen Experiment afrikanische Elefanten darüber entscheiden, ob sie lieber reines Wasser oder eine geschmacksneutrale Mischung aus Wasser und sieben Prozent Alkohol trinken wollten. Das Ergebnis war eindeutig: Die Dickhäuter bevorzugten den alkoholhaltigen Cocktail.

Und haben Elefanten, die ja gern umgangssprachlich als Dickhäuter bezeichnet werden, wirklich eine dicke Haut?Die Antwort auf diese Frage ist ein klares Jein. Am Rücken und an den Beinen ist die Haut immerhin zwischen zwei und drei Zentimeter dick. An den Achseln, am Bauch und hinter den Ohren ist die Haut dagegen papierdünn und sehr empfindsam. An diesen Stellen wird auch eine Fliege, die sich niederlässt, registriert.

Dr. Mario Ludwig ist Biologe und einer der bekanntesten Tierbuchautoren Deutschlands. Er schreibt an dieser Stelle über Phänomene in der Tierwelt.