Interview

„Eltern-Engagement gleicht häufig auch strukturelle Defizite aus“

Interview mit Studienberater Hans-Werner Rückert

Machen Eltern zu viel Wirbel um die Bildung ihrer Kinder? Sind die Studierenden heute tatsächlich unselbstständiger als früher? Und welche Konsequenzen hat es, wenn die Grenze zwischen Universität und Schule verschwimmt? Darüber sprachen wir mit Hans-Werner Rückert. Er ist Diplom-Psychologe und leitet seit 1994 die Zentraleinrichtung Studienberatung und Psychologische Beratung der Freien Universität Berlin. Zudem ist er Autor mehrerer Bücher über das Selbstmanagement, zuletzt: „Schluss mit dem ewigen Aufschieben: Wie Sie umsetzen, was Sie sich vornehmen“ (Campus Verlag 2014).

Berliner Morgenpost:

Herr Rückert, Wie verändert sich die Hochschule, wenn die Studenten immer jünger werden? Sinkt das Niveau wegen der „Generation Unselbstständig“?

Hans-Werner Rückert:

Das kann man so nicht feststellen. Die jungen Menschen haben überwiegend eine hohe Leistungsbereitschaft und große Ansprüche an sich selbst.

Eltern an die Uni: Ist das Marketing der Universitäten, ein Helikopter-Phänomen oder eine wertvolle Unterstützung der Studierenden?

Es kann eine Unterstützung sein bei der Frage nach der Studienfachwahl – immerhin kennen Eltern ja oft die Stärken und Schwächen ihrer Kinder und können daher wichtige Hinweise geben. Wenn Hochschulen sich explizit an Eltern wenden, hat das in Zeiten von Studiengebühren vielleicht noch Sinn ergeben. Und manchmal ist es sicher schlicht ein Marketing-Gimmick. Helikopter-Eltern sind eher ein Schrecknis für die Unis.

Sind Hochschulen didaktisch darauf vorbereitet, zunehmend heterogene Studentengruppen anzutreffen? Mit anderen Worten: Was passiert im Proseminar, wenn unreife 17-Jährige auf 30-Jährige ohne Abitur, aber mit abgeschlossener Berufsausbildung treffen?

In der Regel haben die Älteren die größeren Probleme. So viele 30-Jährige mit Berufserfahrung gibt es allerdings noch gar nicht in den Seminaren: Der Anteil der beruflich Qualifizierten liegt unter drei Prozent. Den aktuellen Leistungsberichten der Berliner Hochschulen zufolge haben im Jahr 2014 gerade einmal 181 Studierende ohne Abitur ihr Studium an der FU, HU oder TU begonnen. Das sind bei knapp 17.000 neu Immatrikulierten lediglich 1,1 Prozent. Die meisten beruflich Qualifizierten gehen faktisch an eine private Hochschule oder eine Fachhochschule.

Hat sich die Bildungspolitik verrechnet, der die Studenten nicht jung genug sein können? Viele Abiturienten holen sich die eingesparte Zeit ja auch zurück, indem sie erst einmal ein soziales Jahr machen oder ins Ausland gehen...

Die Bildungspolitik hat sich vor allem verrechnet mit der Hoffnung, dass sich die meisten Studierenden mit dem Bachelorabschluss begnügen und dann arbeiten gehen würden. Tatsächlich machen mehr als 70 Prozent anschließend einen Master, über als 80 Prozent würden es gerne tun. Die Studienzeiten insgesamt haben sich zwar – verglichen mit früher, vor der Reform – verkürzt, aber nicht so stark, wie sich Politiker das bei ihren Planungen vorgestellt haben.

An der Schule geht es um Antworten, an der Uni um Fragen. Früher war mehr Zeit zum Umgewöhnen, heute ist das Studium straff durchorganisiert. Welche Konsequenzen hat es, wenn die Grenze zwischen Uni und Schule verschwimmt? Entsteht da mehr Betreuungsbedarf in Gestalt von Eltern-Engagement, Brückenkursen etc.?

Die Grenze verschwimmt ja nicht wirklich, das muss man sich schon je nach Fächergruppe anschauen. Nach der Kritik an der ersten Welle der Bachelorreform sind viele sehr restriktive Regelungen zurückgenommen worden, so dass auch wieder mehr Freiräume für selbstbestimmtes Studieren da sind. Andererseits beklagen Studierende, vor allem in den Ingenieurwissenschaften, die Stofffülle. Generell braucht das Bachelor/Mastersystem mehr Studienunterstützung. Das hätte man wissen können durch einen Blick nach Großbritannien oder in die USA: In ersterem Fall gibt es Studienunterstützung durch das Personal-Tutoring-System, im anderen Fall durch viele studienbegleitende Angebote wie Lerncenter und Beratungseinrichtungen. Vor allem aber müsste die Relation von Professoren beziehungsweise wissenschaftlichem Personal zu Studierenden besser sein.

Übertreiben Eltern ihre Ängste und Befürchtungen, wenn es um die Bildung und die Karrierechancen ihrer Kinder geht? Oder versuchen sie einfach, strukturelle Defizite auszugleichen?

Sicher tun das manche Eltern, andere bleiben entspannt. Durch den neoliberalen Gedanken, sein Leben wie ein Projekt managen und optimieren zu müssen, versuchen viele Mütter und Väter natürlich, die Chancen ihrer Kinder zu verbessern, beispielsweise durch Nachhilfe. Und da werden sicher auch häufig strukturelle Defizite ausgeglichen.

Mit den interessierten, unterstützenden Eltern kommen auf die Hochschule auch neue Herausforderungen zu. Wie ist denn die Stimmung unter den Professoren und Studenten?

Eltern sind, jedenfalls in Forschung und Lehre, eher noch die Ausnahme als die Regel. Im Servicebereich, in Prüfungsämtern oder der Studienberatung nehmen ihre Anfragen jedoch zu. Grundsätzlich gehören jedoch zur Lebensphase des Studiums Abnabelung und Erwerb von Selbstständigkeit dazu, als ein Prozess, der manchmal beiden Seiten, Kindern wie Eltern, nicht ganz leicht fällt. Um den sollte man sich aber bemühen, um die Entwicklung zu eigenständigen Persönlichkeiten zu fördern.