Tierfreund

Warum winken Winkerkrabben?

Dr. Mario Ludwig über die Funktion der monströsen Greifgeräte, äußerst wählerische Weibchen und billige Attrappen im Tierreich

Wenn Winkerkrabben winken, haben sie nur eins im Sinn – Sex. Dabei gibt es eine klare Rollenverteilung. Während die Weibchen der tropischen Krabben, wie alle anderen Krabbenarten auch, zwei völlig normale Essscheren haben, ist beim Männchen eine Zange gewaltig vergrößert. Viel zu groß, um damit Futter aufnehmen zu können. Das monströse Greifgerät, das fast die Hälfte des Körpergewichts ausmacht, dient vor allem der Balz: Durch heftiges Hin- und Herschwenken des meist farbenprächtigen Statussymbols soll die Damenwelt beeindruckt werden. Im Tierreich herrscht ja meistens Damenwahl. Das heißt, es sind die Weibchen, die entscheiden, welches Männchen zur Weitergabe seiner Gene taugt. Und die Herren der Schöpfung müssen sich um die Gunst der Weibchen bemühen. Bei den Winkerkrabben sieht das im Detail so aus: Die Winkerkrabben, die ja in der Gezeitenzone leben, kommen bei Ebbe aus ihren Wohnhöhlen und schwenken ihre überdimensionalen Winkscheren hin und her, um die Weibchen auf sich aufmerksam zu machen. Es gibt dabei sowohl Rechts- als auch Linkswinker. Die Weibchen stehen auf beides: große Scheren und heftige Winker. Hat sich ein Weibchen für einen Winker entschieden, folgt es ihm in seine Wohnhöhle zur Begattung.

Die Winkintensität der Männchen wird durch Angebot und Nachfrage bestimmt. Australische Wissenschaftler haben beobachtet, dass die Männchen deutlich weniger intensiv winken, wenn nur wenige Rivalen in der Nähe sind. Sind nur ein paar vereinzelte Konkurrenten vorhanden, sinkt die die Zahl der Winkbewegungen um bis zu 30 Prozent pro Minute. Je größer die Zahl der Nebenbuhler, desto stärker die Zahl der Winkbewegungen. Ein Verhalten, das sowohl ökonomische als auch sicherheitsrelevante Gründe hat. Winken kostet nämlich nicht nur Energie, sondern kann auch die Aufmerksamkeit von Fressfeinden wecken.

Die Weibchen der kalifornischen Winkerkrabben gehören übrigens zu den wählerischsten Weibchen im Tierreich überhaupt. Sie wollen, nachdem sie erfolgreich angebaggert wurden, auch noch die Wohnhöhle des Männchens inspizieren. Und nehmen es da ziemlich genau: Amerikanische Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Winkerkrabbenweibchen im Schnitt 23 Wohnhöhlen inspizieren, bevor sie sich endgültig für einen Verehrer entscheiden. Ein Krabbenweibchen begutachtete sogar über 100 Wohnhöhlen und hatte sich danach immer noch nicht entschieden. Eine sorgfältige Inspektion der Wohnhöhle ist für die Weibchen deshalb so wichtig, da bei ihnen ein ausgeprägtes Sicherheitsdenken im Vordergrund steht. Das entscheidende Kriterium ist nicht nur die Größe der Höhle, sondern vor allem auch die Größe der Höhlenöffnung, denn nur eine ausreichend große Öffnung der Nisthöhle gewährleistet ein rasches Entkommen des zukünftigen Nachwuchses. Was wiederum die Gefahr, von einem Fressfeind erwischt zu werden, stark reduziert.

Die große Schere der Männchen hat allerdings noch eine andere Funktion. Sie wird auch bei Rivalenkämpfen zwischen konkurrierenden Männchen als Waffe eingesetzt. Allerdings arbeiten die Winkerkrabbenherren da oft auch mit Attrappen. Es passiert nämlich öfters mal, dass die Männchen bei diesen Rivalenkämpfen ihre Balzschere verlieren. Diese verlorene Schere kann jedoch von den Männchen wieder nachgebildet werden. Allerdings bilden einige Männchen keine identische Schere nach, sondern ein billiges, harmloses Imitat. Die neue Schere sieht zwar groß und furchteinflößend aus, ist aber dank einer Art „Leichtbauweise“ viel zu schwach, um wirkungsvoll als Waffe eingesetzt werden zu können.

Das Imitat bilden die Krabben allein aus ökonomischen Gründen: Die Bildung der Attrappe kostet weniger Energie als eine neue, voll funktionsfähige Schere. In einem Kampf nutzt das Imitat den Männchen natürlich wenig. Aber immerhin können sie mit der „Fake-Schere“ bluffen – beim Kampf wie bei den Weibchen.

Dr. Mario Ludwig ist Biologe und einer der bekanntesten Tierbuchautoren Deutschlands. Er schreibt an dieser Stelle über Phänomene in der Tierwelt.