Mamas & Papas

Vielleicht war da ja doch etwas

Hajo Schumacher über das Abenteuer, ehrlich zu sein

Wir sind eine gesetzestreue Familie, jedenfalls solange die Kinder zugucken. Mit Kleinigkeiten wie roten Ampeln nach Mitternacht, komplexen Messwerten im Promille-Bereich oder fiskalischen Kleinversehen wollen wir unsere Jungs nicht behelligen. Die feinen Linien zwischen Versehen, Notfall und Straftat muss der heranwachsende Mensch selbst herausfinden.

Neulich klingelte es gegen acht Uhr morgens, am Samstag. Huch. Hatte das Feierbiest aus dem Hinterhaus sich bei dem Versuch, das Schlüsselloch zu treffen, mal wieder ans Klingelbrett gelehnt? FDP-Werber auf dem letzten Kreuzzug? Die Renaissance des Klingelstreichs? Ich bat Hans zu öffnen, weil er immerhin eine Art Schlafanzug trug. „Papaaa...“, rief das Kind bange, während ich verkehrt herum in eine Sporthose trat, womit ich einen etwaigen Eindringling optisch abzuschrecken gedachte. Ich hüpfte zur Tür. „Nicht erschrecken“, sagte das in Schwarz gehüllte Wesen auf halber Treppe. Ich erschrak. Ein Trickbetrüger? Fasching in der Bärenhöhle? Oder ist dieser Polizist etwa echt? Sein Frank-Henkel-Blick, stahlhart wie Zwiebelmett, überzeugte mich. Ich hob die Hände. Hans klammerte sich bebend an die außen liegenden Nähte meiner Hose. „Hol’ schon mal die Zahnbürste“, sagte ich, „Mama backt uns bestimmt einen Kuchen mit Feile.“ Der Ordnungshüter rang um Amtsblick und zog seinen Block hervor. „Sind Sie der Halter des Fahrzeugs B-L...?“ Halter ja, gestand ich, aber die Fehler macht bei uns die Chefin.

„Wo waren Sie denn gestern Abend gegen 21 Uhr?“, fragte die Staatsmacht. Wie jeden Freitag war ich mit Hans vom Sport gekommen. Und wie jeden Freitag hatte ich unser Auto virtuos in die letzte Parklücke gezirkelt. Ganz ausnahmsweise hatten wir gestern Abend womöglich ein Kleinfahrzeug im Hauchbereich touchiert, aber nach meinem Gefühl ohne jede Spur. Wahrscheinlich wollte da jemand seinen ranzigen Kleinwagen auf meine Kosten umspritzen lassen. Ich holte Luft, um mich zu empören, jeglichen Zweifel an meiner Fahrkunst zu zerstreuen, an die Bösartigkeit der Nachbarschaft zu gemahnen und überhaupt.

Da traf mich der Blick meines Sohnes, ängstlich, fragend, gespannt. Er erinnerte sich an das schabende Geräusch vorne rechts, das mir aufgrund altersbedingter Hörschwäche entgangen war. Er hatte nachgeguckt, ich hatte vorsorglich abgewunken. Ist nichts. Nun musste ich in Promillesekunden eine Grundsatzfrage beantworten: Sollte ich den klassischen Berliner Weg gehen, mich um jeden Preis herausreden, mit Anwalt drohen, und dem Kind damit einen Schnellkurs „Drecksack in 30 Sekunden“ erteilen? Oder sollte ich das Abenteuer Ehrlichkeit wagen und einfach sagen: Vielleicht war ja doch was? Die nette Dame, die zwischen unseren Autos wartete, hatte recht: Da klebte tatsächlich unser Lack an ihrer Stoßstange. Sorry, das werden wir fair regeln.

Hans hat nicht weiter über den Vorgang geredet. Aber es bleibt so ein Gefühl, dass an diesem Morgen sowas wie Erziehung stattgefunden haben könnte.