Berliner helfen

Kein Problem mit Handicaps

In der Kita Pusteblume in Kleinmachnow werden behinderte Kinder betreut

Auf den ersten Blick sieht das Einfamilienhaus aus wie alle andere Häuser in der ruhigen Kleinmachnower Wohnstraße. Freundlicher Anstrich, gepflegter kleiner Vorgarten mit Gartenzaun. Doch die Nummer 170 beherbergt keine Familie sondern eine Kindertagesstätte, und zwar eine ganz besondere. In der Kita Pusteblume werden Kinder mit mehrfachen Behinderungen nach der Schule und auch während der Ferien betreut. „Vielen Eltern fällt es ganz schwer ihre Kinder abzugeben, sie haben immer ein schlechtes Gewissen“, sagt Barbara Brödler-Bahro, Geschäftsführerin von Pusteblume e.V., dem Träger der Kita.

Der 2008 gegründete Verein hat es sich zur Aufgabe gemacht, Familien mit behinderten Kindern zu betreuen, zu assistieren und sie zu unterstützen. Berufstätige Eltern von Kindern, Jugendlichen und jungen Volljährigen haben generell das Problem der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Aber Menschen mit Handicap und ihre Angehörigen sind mehr als andere abhängig von Hilfen und sozialer Unterstützung. „Viele Eltern behinderter Kinder werden nicht ausreichend über die Möglichkeiten der finanziellen Hilfen und Kassenleistungen aufgeklärt“, hat Barbara Brödler-Bahro beobachtet. Auch dabei berät der Verein Pusteblume, um mit entsprechenden Betreuungsangeboten und individuellen Begleitungen und Eingliederungshilfen Alternativen zur Heimunterbringung zu ermöglichen.

In der Kleinmachnower Kita werden acht Jungen und zwei Mädchen von erfahrenen Erziehungspflegern betreut. Einer von ihnen ist Jürgen Engel, der seit anderthalb Jahren beim Verein Pusteblume arbeitet und eine Zusatzausbildung als Heil-Erziehungspfleger hat. „Für unsere Kinder braucht man schon einen besonderen Blick, weil sie sich nicht mitteilen können“, sagt er. Manche müssen täglich gewindelt werden, andere kratzen und beißen oder leiden unter frühkindlichem Autismus und verhalten sich sozial extrem auffällig. „Allen Kindern tun unsere Ausflüge in den Wald gut und die Besuche auf dem öffentlichen Spielplatz, damit sie auch mal mit normalen Kindern zusammen kommen“, meint Monika Döpp, die pädagogische Leiterin der Kita. Auf Spaziergängen und beim Toben im Wald wird der Bewegungsapparat und die Koordination geschult. Der Betreuungsschlüssel in der Kita liegt bei 1:3, es gibt auch zwei Kurzzeitpflegeplätze, wenn eines der Kinder mal über Nacht bleibt. Dazu kommt wöchentlich eine Aroma-Therapeutin ins Haus, die mit den Kindern Hand- und Fußbäder mit besonderen Ölen macht. „Erst hatten alle große Berührungsängste, aber jetzt genießen es die Kinder, es beruhigt sie ungemein“, sagt Frau Brödler-Bahro, die sich in der Kinderkommission des Bundestages für die Belange behinderter Kinder stark macht.

„Wir sind beim Thema Inklusion verglichen mit Spanien und Italien weit hinten. Dort gibt es an den Schulen Extra-Klassen, in denen die Schüler mit Handicap unterrichtet werden. Bei uns kommen die Kinder in normale Klassen, das ist je nach Schwere der Behinderung nur mit zusätzlichen Schulhelfern möglich und in vielen Fällen gar nicht“, sagt sie. Der Verein bietet auch Schulbegleitungen an und kooperiert mit den Schulen, um Probleme zu lösen. „Viele Lehrer sind gar nicht entsprechend vorbereitet oder geschult im Umgang mit behinderten Kindern. Für sie sind das Kind und der Schulhelfer nur ein Störfaktor“, sagt Barbara Brödler-Bahro. Wie gut oder schlecht die Inklusion gelinge, hänge immer vom Engagement der Schulleitung und der Lehrkräfte ab, meint sie. Und manchmal sei das Problem eher eine Unter- als Überforderung. „Es gibt Asperger-Autisten - wie in dem Film „Rain Man“ mit Dustin Hoffman - die sind super-begabt aber sozial schwer erträglich für ihre Mitschüler“, sagt die gelernte Krankenschwester, die dazu Pflege- und Gesundheitsmanagement studiert hat.

In der Kita Pusteblume wird auf die Besonderheiten und Schwächen der einzelnen Schützlinge eingegangen, aber auch ihre Fähigkeiten und eine gewisse Selbstständigkeit gefördert. Bei den Arbeitszeiten, nachmittags ab 15 Uhr, Freitags ab 13 Uhr und in den Ferienzeiten ganztägig, sei es nicht leicht, geeignetes Personal zu finden, sagt Brödler-Bahro. Dazu müssen alle Erzieher auch einen Führerschein haben, um die Kinder abzuholen oder nach Hause zu fahren. Für die Kita- oder Hortplätze gibt es Zuschüsse vom Landkreis, die Eltern zahlen eine Pauschale. Die anstehende Renovierung und der behindertengerechte Umbau des Bades wird auch mit einer Spende von Berliner helfen e.V. ermöglicht.

Ein besonderes Problem mit der Betreuung stellt sich, wenn die Kinder erwachsen werden - oder die Kräfte der Eltern für die Versorgung nicht mehr ausreichen. Die Nachfrage nach entsprechenden Wohneinrichtungen mit geschultem Personal ist groß. „Ein behindertes Kind ist eine Verpflichtung ein Leben lang“, sagt Barbara Brödler-Bahro. Auch deshalb bemüht sich der Verein Pusteblume, Beratung, Dienste und Einrichtungen anzubieten, auf die Familien mit behinderten Kindern zur Bewältigung ihrer Aufgabe zurückgreifen können.

www.verein-pusteblume.de