Tierfreund

Welcher Vogel singt am schönsten?

Dr. Mario Ludwig über den inspirierenden Gesang der Nachtigall, ihre Zunge als Delikatesse und die Rolle des Piepmatzes in der Lern- und Gedächtnisforschung

W elcher Vogel singt am schönsten? Melina, 10 Jahre

Angeblich liegt ja Schönheit im Auge des Betrachters, oder, in unserem Fall, wohl eher im Ohr des Hörers. Aber in Sachen „schönster Vogelgesang“ sind sich Ornithologen und Musikwissenschaftler erstaunlicherweise einig: Für den Titel „Beste(r) Sänger (-in) im Tierreich“ kommt nur ein einziger Piepmatz in Frage: die Nachtigall.

Dabei ist das Äußere des eher im Verborgenen lebenden kleinen Vogels wirklich nicht gerade spektakulär. Graubraunes Gefieder, weißer Bauch, rötliche Schwanzfedern – damit kann man in der Vogelwelt nicht gerade punkten.

Es ist die außerordentliche Schönheit ihres Gesangs und ihre virtuose Stimmakrobatik, die die Nachtigall schon sehr früh weit über Ornithologenkreise hinaus bekannt gemacht hat. So heißt es in „Johann Andreas Naumanns Naturgeschichte der Vögel Deutschlands“ von 1844, im Gesang des kleinen Vogels herrsche „eine so angenehme Abwechslung und eine so hinreißende Harmonie, wie wir sie in keinem anderen Vogelgesange wiederfinden“.

Der Brockhaus von 1839 konstatiert: „Der Gesang oder Schlag der Nachtigallen verbindet in der größten Mannichfaltigkeit alles Schöne, Zarte, Überraschende und Laute der Stimmen anderer Singvögel; obgleich aber die allgemeinen Eigenschaften ihres Schlags bei allen Nachtigallen dieselben sind, übertrifft doch eine die andere an Mannichfaltigkeit und Anmuth des Tones und der Strophen desselben.“

Der Gesang der Nachtigall wird von uns Menschen sogar derart wohltuend empfunden, dass sich berühmte Komponisten davon inspirieren ließen und ihren Gesang in Kompositionen nachempfanden, so z.B. Ludwig van Beethoven in der sechsten Sinfonie, Johann Strauss mit der „Nachtigall-Polka“ oder Igor Strawinsky mit dem „Lied der Nachtigall“. Vielleicht war auch die außerordentliche Klangfülle des Gesangs der Nachtigall letztendlich dafür verantwortlich, dass im alten Rom – wie der römische Historiker Plinius der Ältere berichtet – ausgerechnet Pasteten aus Nachtigallenzungen zu den beliebtesten Delikatessen gehörten.

Eigentlich weist schon der Name des kleinen Vogels mit der großen Stimme auf seine Sangeskünste hin, denn „gal“ bedeutet im Althochdeutschen „Gesang“ – die Nachtigall ist also ein „Nachtsänger“. Der unverwechselbare Gesang, der von den Nachtigallmännchen bevorzugt in der Abenddämmerung und der Nacht vorgetragen wird, dient, wie unter Vögeln üblich, zur Anlockung der Weibchen. Nach erfolgreicher Paarbildung wird der Gesang deshalb auch bedauerlicherweise eingestellt.

Der Gesang besteht dabei aus vielen Strophen dicht gereihter Einzel- oder Doppeltöne. Die Strophen, die meist eine Dauer von zwei bis vier Sekunden haben, starten zunächst mit ziemlich leisen Tönen, um dann in laute, rhythmisch wiederholte Silben überzugehen, die meist wohltönend, aber durchaus auch mal ratternd oder knarrend klingen können. Bei diesem charakteristischen Silbenstakkato handelt es sich um das berühmte „Schlagen“ der Nachtigall. Längere Strophen wechseln sich mit kurzen, völlig anders klingenden Strophen, aber auch mit Wiederholungen ab.

Besonders typisch ist auch das „Schluchzen“, ein lang gezogenes Flöten absteigender Töne, das von uns Menschen als wehmütiges Klagen wahrgenommen wird. Das Klangrepertoire der Nachtigall ist in Europas Vogelwelt einzigartig: Nachtigallen beherrschen zwischen 120 und 260 unterschiedliche Strophentypen. Um sich eine solch große Anzahl an Strophen merken zu können, bedarf es eines guten Gedächtnisses. Kein Wunder also, dass die kleinen Sangeskünstler wichtige Untersuchungsobjekte in der modernen Lern- und Gedächtnisforschung geworden sind.

Übrigens singt die Nachtigall trotz ihres deutschen Namens auch tagsüber. Bei seinen „Tagesgesängen“ geht es Herrn Nachtigall jedoch wohl weniger darum, das Herz einer schönen Nachtigallendame zu erobern, sondern darum, das eigene Revier gegen männliche Rivalen akustisch zu verteidigen.

Dr. Mario Ludwig ist Biologe und einer der bekanntesten Tierbuchautoren Deutschlands. Er schreibt an dieser Stelle über Phänomene in der Tierwelt.