Mamas & Papas

Fashion-Battle auf der Karaoke-Party

Hajo Schumacher über das erwachende Modebewusstsein seines Jüngsten

Wir sind eine modisch bewusste Familie. Immer wenn Prospekte aus der Tageszeitung flattern, prüft die Chefin umgehend ihren Bestand. Zuverlässiges Resultat: Nichts zum Anziehen. Shopping-Alarm. Wir Jungs sind unkomplizierter. Warum eine Jeans kaufen, wenn die alte noch gut ist. Löcher sind im Trend, Flecken auch. Und wofür Friseure Chemie brauchen, bekommen wir nur mit Aufstehen hin. Schnell und schön lautet unser Fashion-Motto.

Leider orientiert Hans sich seit einigen Wochen neu. Wir treten offenbar in eine neue Phase ein, das Stylozän. In diesem Abschnitt des Erwachsenwerdens entdeckt der junge Mensch drei Dinge: den Spiegel, die Marke, das andere Geschlecht. Und die Eltern verzweifeln, aber nicht ohne Stolz.

Hans war ein unkompliziertes Kind, sofern er nicht auf die Chefin hörte. Klamottenkaufen war wie im Supermarkt: Zweimal im Jahr aus jedem Gang zwei, drei Artikel in den Korb geworfen, alles zwei Nummern zu groß. In diesem Frühjahr aber wehrte sich der Kleine gegen die vertraute Einkaufsrallye. Das Kind bestand auf den Erwerb besonderer Schuhe, die vorwiegend Jung-Hippies mit Skateboard-Hintergrund tragen.

Ich versuchte dem Kind die ersten Regeln des dezenten Auftritts beizubringen. Erstens: Es ist bushidohaft peinlich, einen lesbaren Firmennamen auf dem Hemd zu tragen. So was tut man nur in Neukölln oder Dahlem. Zweitens ist es uncool, von der Schirmmütze bis zur Socke Klamotten einer einzigen Firma zu tragen. Drittens ist es indiskutabel, Aufkleber von dieser Firma auf Ranzen, Brotbox, Papas Auto, Zimmertür und Kühlschrank zu pappen.

Als wir das Fachgeschäft verließen, trug Hans von Schirmmütze bis Socke Klamotten einer Firma, den Markennamen sehr gut sichtbar, und pulte Schutzfolien von den Aufklebern. „Jetzt kann ich endlich zu Davids Party“, erklärte Styler junior.

Na klar. Statt Topfschlagen und Pokemon ist ja inzwischen Fashion-Battle angesagt, im heißesten Klub der Stadt, kurz vor der Stadtgrenze. Dort, wo früher Kinder-Theater war, ist heute ein Karaoke-Schuppen. Tückische Väter haben die Karaoke-Party als Recycling-Hof entdeckt, wo man die alten Comic-Socken und Krawatten mit Klavier-Tastatur entsorgen kann. Dann der Auftritt: Man wünscht sich ein Lied, entweder Andreas Bourani oder „Ein Hoch auf uns“, schnappt sich ein Plastikmikro ohne Kabel und spielt RTL nach, vor allem große Kreise mit den Armen, die Fundamentalemotion illustrieren sollen.

Einzelkind-Eltern freuen sich und filmen. Die anderen suchen Trost im benachbarten Spätkauf. Als ich vom Späti zurückkehre, läuft eine Sponge-Bob-Version von „Happy“. Als ich Tanzschritte wage, die sich Pharell Williams von mir abgeguckt haben könnte, blickt mich mein Sohn böse an. Mir egal. Meine Karaoke-Auftritte zu „Heroes“ sind Legende. Ich werde den DJ mal fragen, ob er David Bowie im Programm hat.

Nächste Woche schreibt an dieser Stelle wieder Sandra Garbers.