Tierfreund

Warum randalieren Marder so gern unter der Motorhaube?

Dr. Mario Ludwig über den Spieltrieb und das Revierverhalten der kleinen Pelzträger und wie Menschen ihre Autos vor der Beißlust der Tiere schützen können

Jetzt beginnt wieder die Zeit, in der man als Autofahrer verstärkt mit Marderschäden rechnen muss. Die Beißlust der kleinen Säuger ist in den Monaten April und Mai nämlich am stärksten ausgeprägt. Folgt man Schätzungen des ADAC, beißen Marder rund 160.000 Mal pro Jahr unter den Motorhauben unserer Autos zu und zerstören dabei Zündkabel, Gummidichtungen oder Schläuche.

Aber warum krabbeln Marder so gerne unter die Motorhaube von Autos und randalieren dort? Man hat lange geglaubt, diese Vorliebe hätte etwas mit der Motorwärme zu tun. Dass es Marder schön warm und kuschelig haben wollen. Stimmt aber nicht! Marder gehen auch in eiskalte Motorräume. Und dann ist ja auch das Gerücht nicht totzukriegen, dass zur Herstellung von Kabelummantelungen oder Isoliermatten angeblich Tiermehl verwendet wird und sich deshalb bei Erwärmung des Motors im Motorraum unwiderstehliche Futterdüfte ausbreiten würden. Aber auch diese Theorie ist eine moderne Großstadtlegende. Zahlreiche Hersteller teilten auf Anfrage nämlich mit, dass in ihren Fahrzeugen keinesfalls Tiermehl verbaut werde.

Für Marder ist so ein Motorraum einfach ein tolles Versteck, in dem man vor Feinden nicht nur unsichtbar, sondern auch gut geschützt ist. Da kann man prima zwischendurch mal ein Nickerchen machen oder Vorräte bunkern.

Für die Zerstörungswut der kleinen Raubtiere gibt es dagegen wohl andere Gründe: Zum einen sind Marder neugierig und ertasten gerne ihre Umwelt durch Beißen, ähnlich, wie das junge Hunde machen. Hinzu kommt, dass Marder sehr verspielt sind. Da kommen ein paar Schläuche oder Kabel als Spielzeug gerade recht. Der Hauptgrund für die Sabotageakte dürfte aber wohl im ausgeprägten Territorialverhalten der Marderherren liegen. Im Frühjahr markieren die Mardermännchen nämlich ihre Reviere mit speziellen Duftnoten, um sich auf die Paarungszeit im Sommer vorzubereiten. Und dieses Revier gilt es natürlich mit Klauen und Zähnen vor Konkurrenten zu verteidigen. Riecht ein Mardermännchen in seinem Revier die Duftmarkierung eines anderen Männchens, flippt es offensichtlich völlig aus, randaliert und zerstört aus Wut alles, was ihm zwischen die Zähne kommt. Deshalb werden Autos, die oft an verschiedenen Standorten parken, besonders häufig von Mardern heimgesucht – einfach weil sie dann eben oft auch im Territorium eines fremden Männchens gelandet sind.

Die Anzahl der Marderschäden hat auch deshalb zugenommen, weil es sich beim Steinmarder im Gegensatz zum nahe verwandten Baummarder um einen klassischen Kulturfolger handelt. Die Marder zieht es in die Stadt, weil dort das Leben für sie deutlich leichter und angenehmer ist als im Wald. In der Stadt finden Marder nämlich nicht nur komfortable Unterkünfte, sondern auch Nahrung im Überfluss. Hier können die Allesfresser bequem Mülltonnen plündern oder sich an den Fressnäpfen von Hunden oder Katzen bedienen. Im Spätsommer bzw. Herbst ernähren sich viele Marder auch öfters mal vom reifen Obst, das die Gärten in der Stadt zu bieten haben. Und im Winter schlagen sich Marder auch den Bauch mit Vogelfutter aus Futterhäuschen voll.

Um zu verhindern, dass Marder unter der eigenen Motorhaube randalieren, schwören viele Menschen auf Geheimmittelchen wie Hundehaare, Mottenkugeln, WC-Steine oder selbstgemachte Geruchspasten. Nützt nichts: Marder gewöhnen sich relativ schnell auch an die übelsten Gerüche. Es gibt jedoch drei Methoden, die recht zuverlässig helfen. Erstens sogenannte Elektroschocker: Dazu werden an den „Einstiegsstellen“ zum Motorraum Metallplatten montiert und unter Strom gesetzt. Kommt ein Marder damit in Berührung, erhält er einen unangenehmen, aber ungefährlichen Stromschlag. Zweitens: Man versperrt den Mardern mit Bürstenvorhängen und speziellen Blechen den Zugang zum Motorraum. Drittens: Man besorgt sich ein Stück Maschendrahtzaun und legt es flach unter das geparkte Auto. Marder schätzen es nämlich überhaupt nicht, über Draht laufen zu müssen.

Dr. Mario Ludwig ist Biologe und einer der bekanntesten Tierbuchautoren Deutschlands. Er schreibt an dieser Stelle über Phänomene in der Tierwelt.