Mamas & Papas

Höchste Zeit für eine Märchenhochzeit

Sandra Garbers über den Wunsch von Kindern nach einer heilen Welt

Vor ein paar Tagen sagte meine Vierjährige abends beim zu Bett gehen: „Mama, ich weiß einfach nicht wen... also... ich kenne einfach keinen Mann.“ – Ich: „Hä? Was meinst du denn? Du kennst doch Papa und Opa...“ – Tochter: „Aber ich weiß nicht, welchen Mann ich heiraten soll.“ Uff. Ich: „Das sollst du doch auch gar nicht. Wenn überhaupt, hat das mindestens 30 Jahre Zeit.“ – Tochter: „Ach gut, dann bin ich ja noch 30 Jahre bei dir. Wie schön.“

Sie ist im Moment geradezu besessen vom Heiraten. Und ich ahne, woran das liegt. Ich muss dringend eine Märchenpause machen. Bye bye Aschenputtel, Schneewittchen, Rapunzel. Mach dich vom Acker, Froschkönig! Meine Vierjährige liebt Märchen sehr. Und am Ende muss immer alles gut ausgehen.

Aber was heißt das schon? Meist ist es doch so: „Und dann küsste der Prinz XY und nahm sie mit auf sein Schloss, wo sie ein prächtiges Hochzeitsfest feierten. Und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage.“ Und nicht: „Dann sagte XY, lieber Prinz, das war so reizend von dir, dass du dich durch die fiese Dornenhecke gezwängt und mich wachgeküsst hast, aber jetzt mach’ ich erst mal mein Abi und dann will ich studieren. Vielleicht irgendwas mit Medien.“ Die Märchenprinzessinnen haben ja vor dem Wachküssen und Retten keinerlei Qualifikation erlangt, sie können nichts außer Erbsen sortieren oder mit goldenen Kugeln spielen. Und sie sind auch alle noch so jung. Dornröschen ist zum Beispiel gerade mal 14, als sie sich mit dem Prinzen vermählt. Das würde heute unter Zwangsheirat laufen. Märchenpause. Man muss ja auch nicht immerzu lesen. Wir singen zum Beispiel auch gern. Einmal durchs ganze Liederbuch. Frühlingslieder, Sommerlieder, Matrosenlieder: „Winde wehn, Schiffe gehen, weit in fremde Land. Und des Matrosen allerliebster Schatz bleibt weinend stehn am Strand....“Die Vierjährige ist in Tränen aufgelöst und schluchzt: „Warum...warum muss denn der allerliebste Schatz weinen... huhhuhuuuuu.... Warum fährt der Matrose einfach weg????“ Ich versuche sie zu trösten: „Er kommt ja wieder, und hör mal, die dritte Strophe, er bringt ihr ganz viele Geschenke mit. Es geht gut aus.“ Hm.

Sie will heile Welt, die bekannten Koordinaten Vater-Mutter-Kind. Das spielen sie ja auch ständig. Kinder sind konservativ. Dachte ich zumindest. Und dann abends im Bett hatte die Vierjährige eine tolle Idee. „Man könnte ja auch ein Mädchen heiraten“, sagte sie nachdenklich. „Dann kriegt man vielleicht auch ein Kind. Und das sagt dann immer ‚Mama, Mama, Papa, Papa‘. Und wir sagen dann: ‚Nein, Kind, wir haben keinen Mann geheiratet, wir sind nur Mamas.‘“

Märchen 3.0, die Gender-Mainstreaming-Variante. Andererseits, wenn man ganz genau rechnet, war Dornröschen ja eigentlich gar nicht 14, sondern 114, weil sie so lange geschlafen hat. Höchste Zeit, den Prinzen zu heiraten.

Nächste Woche schreibt an dieser Stelle wieder Hajo Schumacher.