Berliner helfen

Das Leben nach der Chemotherapie

Ein Berliner Ehepaar segelt einmal um die Welt und sammelt dabei Geld für die Krebshilfe.

Manchmal muss ein Mensch schwer krank werden, um das Leben mit anderen Augen zu sehen. Manchmal genügt schon eine besondere Begegnung, eine neue Liebe. Und manchmal ist es eine Mischung aus beidem. Die beiden Berliner Lutz und Johanna Klostermann segeln seit zweieinhalb Jahren um die Welt. Seit dem 23. Februar sind sie auf ihrer fünften und damit letzten Etappe. Es ist die mit Abstand längste, 15 Monate lang, von Panama bis Südafrika. Doch die Geschichte, die von gelebten Träumen, einsamen Inseln und stürmischen Meeren erzählt, hat einen Prolog. Eine tragische Vorgeschichte, die vor mehr als zwölf Jahren beginnt, zu einer Zeit, als sich Lutz und Johanna noch gar nicht kennen.

„Hauptsache kein Antibiotikum“, denkt sich Lutz, damals Ende 20, als er endlich zum Arzt geht. In wenigen Tagen würden er und seine Mitstudenten auf die letzte Prüfung anstoßen, auf das bestandene Diplom. Und Antibiotika, das weiß er, vertragen sich gar nicht gut mit Alkohol. Als er die Praxis verlässt, denkt er anders: „Hauptsache überleben!“ Die Beschwerden, die er für eine Entzündung hielt, diagnostizierte sein Arzt als Hodenkrebs, ein Tumor, etwa so groß wie eine Murmel. Hodenkrebs ist bei jungen Männern zwischen 25 und 45 Jahren die häufigste Krebsart, wenngleich mit hohen Heilungschancen: 95 Prozent aller Erkrankten werden wieder gesund.

Den Krebs besiegen

Zwei Tage später liegt er auf dem OP-Tisch. Es folgen zwei Wochen Krankenhaus, dann vier Monate Chemotherapie, die härteste Dosis. Irgendwann ist er zu schwach, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Er liest in dieser Zeit die Biographie von Lance Armstrong, die Radsportlegende, die den Hodenkrebs besiegte. Er sieht zur gleichen Zeit im Fernsehen wie eben dieser Mann die französischen Serpentinen hinaufradelt, als gäbe es kein Gestern. Armstrong, mittlerweile des Dopings überführt, motiviert ihn. Lutz Klostermann kämpft und besiegt den Krebs. Er beginnt, Marathon zu laufen, zieht für einen Job nach London und gründet, zurück in Deutschland, eine Unternehmensberatung in der IT-Branche.

Er beschließt, die Energie irgendwann weiterzugeben. Menschen zu motivieren, die ebenfalls schwer krank sind. Ein paar Jahre später begegnet er in Berlin einer Frau, die einen unverwirklichten Jugendtraum mit sich herumträgt: einmal die Welt umsegeln. Johanna heißt sie, ist zwei jünger als er. Sie ist an der Ostsee aufgewachsen, in Kappeln an der Schlei, Schleswig-Holstein. Schon mit Sieben setzte sie das Segel ihrer Jolle, mit Elf hörte Johanna damit auf. Bis sie mit 17 bei Gasteltern in Südafrika lebte, einer Segelfamilie. Durch sie begegnete Johanna einer Familie aus Irland, die um die Welt segelte, die von Freiheit und Abenteuer erzählte. „Von da an war ich infiziert. Ich wusste: Irgendwann will ich das auch“, sagt Johanna heute. Dann studierte sie Architektur in Hamburg, Südafrika und London, arbeitete dort mehrere Jahre und vergaß zwischenzeitlich, wovon sie träumte. Bis sie Lutz traf, der noch nie zuvor gesegelt war, und spontan reagierte: „Warum eigentlich nicht?"

Drei Jahre später kauften sie ein Segelboot, eine Dehler 38: ein schnelles, schnittiges Boot, elf Meter achtzig lang und drei Meter achtzig breit. Johanna heuerte während ihres Studiums drei Monate bei anderen Weltumseglern an. Lutz absolvierte nur einen Motorbootführerschein. Sie wollten ihren Traum erfüllen, ihn nicht wie so viele andere vor sich herschieben. „Die einzige Frage, die wir uns stellten war: Wie vereinbaren wir das mit dem Job?", sagen die beiden. Die Lösung: die Weltumsegelung aufteilen, auf fünf Etappen. Sie würden ein halbes Jahr segeln, ein halbes Jahr Geld verdienen. Also kündigte Johanna ihre feste Stelle, Lutz sprach mit seinen Kunden.

Und los ging's, auf die erste Etappe von Kappeln nach Frankreich, exakt zehn Jahre nach dem Ende der Chemotherapie. „Ich will mit dieser Reise zeigen, dass es ein Leben nach der Therapie gibt“, sagt Lutz, heute 41 Jahre alt. Er will Menschen motivieren, die Ähnliches durchmachen wie er. So wie ihn einst Lance Armstrong zu positivem Denken verholfen hat. Zudem sammeln die Klostermanns unterwegs Spenden für die Deutsche Krebshilfe: von Menschen etwa, die vorübergehend mitreisen, oder die von ihrer Aktion erfahren und sie honorieren wollen. Etwa 10.000 Euro sind bisher zusammengekommen.

Johanna und Lutz können mittlerweile stundenlang von der Welt erzählen: vom schönsten Strand, der für sie zu einer bewohnten Insel namens Los Roques in Venezuela gehört. Vom interessantesten Land, Panama, das in einem Teil hoch entwickelt ist, im anderen von einem Indianerstamm autonom verwaltet wird. Von exotischen Orten wie Trinidad oder den Galapagos-Inseln, und von der stürmischsten See, als sie drei Tage am Stück zwischen Marokko und den Kanaren von Starkwind durchgeschüttelt wurden. „Das hat uns enorm viel Vertrauen in uns und unsere Fähigkeiten gegeben", sagen die beiden, die selbst heute noch ab und an seekrank werden.

Sie gewinnen ihren Strom durch Sonne und Wind, und haben gelernt, auf Elektrizität zu verzichten. Sohn Levi, heute zweieinhalb, nehmen sie immer mit. „Das ist völlig unproblematisch. Er kann jetzt schon Beiboot fahren“, sagt Lutz und lacht. Dennoch sei die Angst der Familie zu Hause, es könne auf ihren Segeltörns etwas passieren, noch heute groß. „Wir sind glücklich, dass wir keine Angst vor Veränderung hatten. Wir begegnen so vielen Rentnern, die Leben lang von einer Weltumsegelung geträumt haben, und dann mit Ende 60 bemerken, dass es gar nicht so bequem ist auf so einem Boot“, sagt Johanna. Einfach mal machen, rät sie, und räumt den Irrglauben aus, dass es für so eine Reise ein Vermögen braucht: „Wir sind Studenten begegnet, die mit einem deutlich kleineren Boot unterwegs waren und nur Tütensuppe gegessen haben.“

Wenn sie zurückkehren, schreibt Johanna über ihre Reise ein Buch. Einen Verlag haben sie bereits. Das letzte Kapitel steht noch aus, sie erleben es gerade.