Interview

„Diese Menschen wollen ihr Schicksal gestalten und verbessern“

Psychologin Isabella Heuser über Flüchtlings-Erfahrungen

Derzeit befinden sich weltweit 51,2 Millionen Menschen auf der Flucht – so viele wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr. Viele von ihnen haben traumatische Erlebnisse zu bewältigen. Isabella Heuser ist Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Berliner Charité, eine Anlaufstelle für Trauma-Opfer. Wir sprachen mit ihr über die Auseinandersetzung der Flüchtlinge mit ihrer Vergangenheit und was nötig ist, um ein neues Heimatgefühl zu entwickeln.

Berliner Morgenpost:

Frau Prof. Heuser, jeder Mensch, der aus seiner Heimat geflohen ist, hat eine andere Geschichte. Aber gibt es auch etwas Gemeinsames?

Isabella Heuser:

Tatsächlich ist jede Geschichte individuell. Die Gründe einer Flucht sind ja auch ganz unterschiedlich: Das kann Krieg sein, Gefangenschaft, Folter, wirtschaftliche Gründe. Trotzdem würde ich sagen, dass es eine Klammer gibt. Die Flüchtlinge verbindet etwas Positives, nämlich Resilienz. Also eine Art seelische Widerstandskraft. Diese Menschen ergeben sich nicht ihrer Situation, die sie als verzweifelt empfinden, sondern sie versuchen, ihr Schicksal zu gestalten. Ihr Ziel ist ein besseres Leben, auch wenn das viel Mühe und große Entbehrungen bedeutet.

Unsere Gesprächspartner haben uns erzählt, dass sie über ihre Erlebnisse zunächst kaum gesprochen haben. Sie wollten nach vorn schauen, lernen, arbeiten. Ist das typisch, um mit dem Trauma der Flucht umzugehen?

Das hat weniger mit einem Trauma zu tun als mit der Resilienz, mit dem Sich Auflehnen, Sich Aufbäumen. Wer so veranlagt ist, will positiv nach vorn schauen. Es ist auch nicht so, dass alle Flüchtlinge traumatisiert sind. Und selbst Menschen, die traumatische Erlebnisse wie Folter hinter sich haben, reagieren unterschiedlich. Die einen wollen darüber reden, die anderen in Ruhe gelassen werden. Das hat mit der Persönlichkeit zu tun.

Aber ist es nicht wichtig, sich mit der eigenen Geschichte auseinander zu setzen?

Sie dürfen nicht vergessen: Der Mensch kann verdrängen und vergessen. Das ist ein gnädiger Mechanismus. Tatsächlich wird es aber schwieriger, je älter der Mensch wird, insbesondere, wenn sich Traumafolgeerkrankungen zeigen. Dann wollen die Menschen berichten, dann kommen Splitter hoch, die man wie ein Mosaik zusammensetzen kann. Es hilft, wenn man spricht, das hat eine entlastende Funktion. Es muss aber nicht alles im Detail durchgekaut werden.

Was kann bei dem Prozess der Aufarbeitung helfen?

Ganz wichtig ist es, eine geschützte, warme, empathische Umgebung zu schaffen. Und man muss als Gegenüber ungeheuer zuverlässig sein. Es wäre also zum Beispiel schon ganz schlimm, sich zu verspäten. Der Mensch muss sich beschützt fühlen und man muss ihm zuhören. Erst viel später kommt in der Traumaarbeit der Schritt, sich wieder an Dinge zu gewöhnen, die Angst machen. Viele vergewaltigte Frauen etwa haben Panik, das Haus zu verlassen. Das muss man zu überwinden versuchen. Genauso Kinder, die anfangen zu schreien, wenn sie eine Polizeisirene hören: Sie müssen lernen, dass davon für sie keine Gefahr mehr ausgeht.

Was stellt das Gefühl der Heimatlosigkeit mit einem Menschen an?

Er ist unsicher, orientierungslos, ängstlich. Er hat Angst, etwas falsch zu machen – was natürlich fatal ist, weil er sowieso schon unter erhöhter Angst leidet. Daher umgeben sich Flüchtlinge ja auch gern mit Vertrautem. Sie sind gern mit Landsleuten zusammen, unterhalten sich in ihrer Sprache, kochen gemeinsam heimische Gerichte.

Ist es überhaupt möglich, am neuen Ort ein Heimatgefühl zu entwickeln?

Ja, auf jeden Fall, dafür gibt es auch viele gelungene Beispiele, selbst bei Menschen mit traumatischen Erfahrungen. Es hängt vom Alter ab, aber auch von der persönlichen Situation, etwa, wie viele Kinder oder Verwandte man bei sich hat oder ob man sie zurücklassen musste. Ich denke an das Beispiel eines Vaters, der sich große Vorwürfe macht, weil seine Frau und seine Kinder in der alten Heimat verschleppt worden sind. Das erschwert natürlich die Eingewöhnung.

Was kann der Flüchtling selbst, was kann die Gesellschaft tun?

Ganz wichtig ist es, dass der Flüchtling hier die Möglichkeit hat, Deutsch zu lernen – und dass ihm trotzdem ermöglicht wird, seine Muttersprache zu sprechen und seine kulturelle Identität zu behalten. Für notwendig halte ich es auch, dass eine Art kulturelle Schulung stattfindet. Der Mensch muss wissen, was im Land üblich ist und was nicht, damit er Sicherheit entwickeln kann. Das kennen wir ja auch von uns, wenn wir uns für einige Zeit in einem anderen Land aufhalten.

Wie kann das konkret aussehen?

Kinder müssen sofort in die Kita oder Schule gehen, sie saugen ja alles sofort auf. Was die Erwachsenen angeht: Vieles würde ganz einfach passieren, wenn sie die Möglichkeit zum Arbeiten hätten. Meiner Ansicht nach ist die Beschäftigung das A & O. Es ist furchtbar zu sehen, wie junge Männer und Frauen in Asylbewerberheimen zum Nichtstun verdammt sind und sich gegenseitig auf die Nerven gehen. Arbeit gibt Sinn und Struktur. Nur Geld zu geben erscheint mir demgegenüber wie eine Ablasshandlung. Nein: Wenn ich das Sagen hätte, würde ich für die finanzielle Unterstützung der Flüchtlinge eine Gegenleistung einfordern – im positiven Sinn.

Wann kann man sagen, dass der Prozess der Integration erfolgreich war?

Das dauert natürlich ein paar Jahre. Es gelingt umso mehr, je interessierter und williger beide Seiten sind. Sprache und Arbeit sind die Schlüssel. Man muss sich klar machen: Was die Menschen sich wünschen, ist einfach ein ganz normales Leben.