Geschichte

„Heimweh nach Deutschland“

Der Iraner Human Mirrafati entkam der Folter. In Berlin baute er sich ein neues Leben auf

Das Erlebte hinter sich lassen, sein Leben neu beginnen: Das will Human Mirrafati, als er 1992 in Berlin ankommt. Aber es funktioniert einfach nicht. Immer wieder schreckt er nachts hoch, wenn in seinen Albträumen die Folterer in die Zelle kommen. Der Iraner war 1985 im Iran-Irak-Krieg gefangen genommen worden, erst 1990 kam er aus dem irakischen Lager frei. Fünf Jahre, in denen er mit Kabeln und Eisenstangen geschlagen wurde, hungerte, unter einer dünnen Decke in einer überfüllten Zelle schlief.

Zu Hause geht der Schrecken weiter. Der Krieg hat die islamischen Machthaber in seiner Heimat gestärkt, während Human Mirrafati in der Folterkammer des Kriegsgegners seinen muslimischen Glauben verloren hat. Gesteinigt werden sollte er, erzählt der heute 53-Jährige knapp, „ich musste das Land verlassen“.

Der Zufall bringt ihn nach Warschau, schließlich nach Berlin. Human Mirrafati beginnt eine Therapie, schreibt das Erlebte auf, später macht er aus seinen Berichten sogar ein Buch. Doch der Anfang in Berlin ist schwer. Human Mirrafati will arbeiten, sein iranischer Abschluss als Schreiner aber wird nicht anerkannt. Er will aus dem Asylbewerberheim ausziehen, seine Anträge werden abgelehnt. Er macht einen Deutschkurs nach dem anderen. „Die Sprache ist neben der Selbstbestimmung das wichtigste Instrument der Integration“, sagt er und meint vor allem: die Möglichkeit zu arbeiten. Unerträglich sei es für Flüchtlinge, zur Untätigkeit gezwungen zu sein.

Zwei Jahre dauerte es, bis Human Mirrafati sein Leben endlich wieder selbst gestalten kann. Er zieht zu seiner deutschen Freundin, heiratet, macht eine Ausbildung. Sieben Jahre arbeitet er in einem Unternehmen, dann macht er sich als Schreiner selbstständig. Das Geschäft laufe sehr gut, sagt er, er verstehe eben nicht nur sein Handwerk, sondern auch, seine Arbeit gut zu präsentieren: „Das können wir Perser einfach.“

Der Iran steckt noch in ihm, auch wenn er längst die deutsche Staatsbürgerschaft hat und sogar mit den eigenen Kindern fast immer Deutsch spricht. Die Kinder und seine Frau, die Iranistik studiert hat, lieben das Heimatland des Vaters. Natürlich hat er Sehnsucht nach seinen Verwandten, aber nicht nach dem Land, versichert er: „Bei meinem letzten Besuch dort habe ich die ganze Zeit Heimweh nach Deutschland gehabt.“