Geschichte

„Nach vorne blicken, endlich leben“

Renate Werwigk-Schneider saß in der DDR drei Jahre im Gefängnis. 1968 wurde sie freigekauft

Die Schikanen hatten schon lange vorher begonnen. So richtig bewusst wurden sie Renate Werwigk-Schneider aber erst, als sie mit 15 Jahren von der Schule flog. Nicht, weil ihre Noten zu schlecht waren. Sondern weil sie sich einer kirchlichen Jugendorganisation angeschlossen hatte. Später musste sie um einen Studienplatz kämpfen, dann darum, an der Universität bleiben zu dürfen.

Immer habe die Familie darüber gesprochen, die DDR zu verlassen, erinnert sich Renate Werwigk-Schneider. Aber der Vater, er war Arzt, zögerte, seine Patienten im Stich zu lassen. Und dann war es zu spät. Die Mauer wurde gebaut. Dem Sohn der Familie gelang die Flucht, er kletterte über Mauer und Stacheldraht. Als seine Schwester und seine Eltern folgen wollten, ging das nicht mehr. Die Flucht, die er für sie geplant hatte, wurde verraten.

Zwei Jahre saß sie im Stasi-Gefängnis in Frankfurt/Oder, bevor sie 1965 wieder frei kam. Dass sie heute über diese Zeit so spricht, als habe sie auch ihr Gutes gehabt, liegt wohl nur daran, dass es beim zweiten Mal so viel schlimmer war. Der zweite Fluchtversuch brachte Renate Werwigk-Schneider erneut ins Gefängnis. Während sie beim ersten Mal als Anstaltsärztin eingesetzt wurde, musste sie diesmal ans Fließband. Die Mitgefangenen waren nicht ausschließlich „Politische“ – im Stasi-Gefängnis Hoheneck, in das sie verlegt wurde, saßen auch Kriminelle. In „eine Zelle mit lauter Kindstöterinnen“ habe man sie, die angehende Kinderärztin, gelegt.

Nach einem Jahr kam endlich die Nachricht, für die sie den zweiten Fluchtversuch und dessen Scheitern auf sich genommen hatte: Die Bundesrepublik kaufte sie frei. Rechtsanwalt Vogel habe ihr den Tipp gegeben, sich noch einmal einsperren und dann freikaufen zu lassen. Der ostdeutsche Jurist Wolfgang Vogel organisierte die Freikäufe von politischen Häftlingen. Am 14. Juni 1968 kam Renate Werwigk-Schneider im Westen an. Freiheit, sagt sie, was das Wort bedeute, verstehe nur, wer ohne Freiheit leben musste.

Freunde ihrer Eltern in Gießen nahmen sie auf. Fotos aus jenen Tagen zeigen eine vor Glück strahlende Frau, die die Zeit in Hoheneck weit hinter sich gelassen zu haben scheint. Es lief ja auch alles „bombig“, wie sie sagt: Ein paar Wochen nach ihrer Flucht heiratete sie den Mann, den sie schon aus der Schulzeit in Lübben kannte, der aber schon lange im Westen lebte und ihren zweiten Fluchtversuch organisiert hatte. Gemeinsam zogen sie in eine Wohnung in Charlottenburg. Arbeit zu finden, war für die ausgebildete Ärztin ebenfalls kein Problem. Ihre Geschichte behielt sie meist für sich. Nach vorne blicken, endlich leben, darum ging es jetzt. Heute diskutiert die 76-Jährige regelmäßig in der Gedenkstätte Marienfelde mit Schülergruppen, um ihnen klarzumachen, was es bedeutete, in der DDR zu leben. Erinnern und aufklären will sie mit ihrem Einsatz als Zeitzeugin. Und setzt sich dabei mit der eigenen Geschichte auseinander, damit, was die Jahre im Gefängnis mit ihr gemacht haben. Jetzt, mehr als 50 Jahre nach dem ersten Fluchtversuch, hat sie endlich Zeit dafür.