Jung geblieben

Sigrid Stawowy, 86, will anderen Menschen Mut machen

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Eine Kindheit in Trümmern. Nächte im Luftschutzbunker. Eine Flucht im Bombenhagel. Der Tod ihres Mannes.

Der Verlust ihrer Tochter. Sigrid Stawowy hat in ihren 86 Jahren einige Dinge erlebt, die Narben hinterlassen haben. Doch sie hat es jedes Mal geschafft sich aufzurappeln. Daran muss man denken, wenn man ihr jetzt im Museum für Kommunikation begegnet, einer zierlichen Frau im Wollpulli, die Augen schwarz geschminkt, die Haare hennarot gefärbt und ein Totenkopfarmband am Handgelenk. Ein Andenken an ihre verstorbene Tochter. Sie sagt, sie sei trotz allem dankbar für dieses Leben. Und: „Ich will nicht einen Tag jünger sein.“

Trotzig klingt das, beinahe kämpferisch. Sigrid Stawowy steht inmitten der Ausstellung „Dialog mit der Zeit“, ab dem 1. April ist das ihr Arbeitsplatz. Zweimal die Woche lotst die ausgebildete Englisch-Dolmetscherin dann Besuchergruppen durch die 2. Etage. Es geht um die mehr als 20 Millionen Rentner in Deutschland, aber es geht eben auch um sie, um ihr Leben, mit all seinen Schicksalsschlägen, den persönlichen und denen, die sie mit anderen teilt. Und deshalb ist Sigrid Stawowy jetzt schon ein bisschen nervös. Man könnte sagen: Ihr Leben kommt auf den Prüfstand.

Jeder Guide stellt sich mit drei Fotos vor. Man sieht Sigrid Stawowy als Teenager, eine hübsche Frau mit Zopf, die mit weit aufgerissenen Augen in die Kamera guckt. Man sieht sie als junge Mutter mit Simone auf dem Schoß, ihrem einzigen Kind. Auf einem weiteren Foto sitzt sie elegant gewandet am Tisch einer Ballgesellschaft im noblen Hotel Hilton, irgendwann in den 1970-er Jahren. Sie sagt, sie und ihr Mann, Inhaber eines Autosalons, hätten diese Zeit genossen. Kunstausstellungen. Opern. Bälle. Die beiden immer mittendrin.

Die Liebe zur Kunst, zur Musik und zu den schönen Dingen des Lebens, sie ist alles, was ihr aus dieser Zeit geblieben ist. Erst starb ihr Mann, dann ihre Tochter, mit gerade mal 42 Jahren. Sigrid Stawowys Stimme stockt, wenn sie über den Verlust ihres Kindes redet. Die Tochter wollte nicht mehr leben, es war ihr Entschluss. Die Mutter sagt, verwundet habe sie es bis heute nicht.

Sie hat Kraft im Glauben und ihren inneren Frieden. Sie war schon über siebzig, als sie ihn fand, in einem indischen Ashram. Sie sagt, sie habe alle Chancen genutzt, die ihr das Leben geboten habe. Das versöhne sie mit den Schicksalsschlägen. Sie wolle anderen Mut machen, deshalb sei sie hier. Um zu zeigen, dass das Leben immer weitergehe.