Tierfreund

Warum sitzen bei Kamelrennen Roboter im Sattel?

| Lesedauer: 4 Minuten

Dr. Mario Ludwig über den berühmt-berüchtigten Nationalsport in den Golfstaaten, die Ausbeutung von Kindern und die Fähigkeiten von Robo-Jockeys

Keine andere Sportart hat in den Golfstaaten einen höheren Stellenwert als Kamelrennen. Der Nationalsport der Scheichs ist für die Emirate das, was für uns Deutsche Fußball ist: ein überaus beliebter Traditionssport, auf den man nicht verzichten will. So werden in den Emiraten pro Woche oft über 200 Rennen mit den bis zu zu 70 km/h schnellen Tieren durchgeführt, die auch schon mal für zehn Millionen Euro und mehr den Besitzer wechseln. Wegen der im Sommer nahezu unerträglichen Hitze von oft 50 °C und mehr in der Wüste verläuft die Rennsaison jedoch ausschließlich zwischen Oktober und April.

Für die Tatsache, dass mittlerweile bei den traditionellen Kamelrennen in den Vereinigten Arabischen Emiraten nicht mehr menschliche Jockeys, sondern Roboter im Sattel sitzen, sind Menschenrechtsorganisationen wie Unicef und Amnesty International verantwortlich. Bis vor zehn Jahren war es in den Emiraten nämlich noch üblich, dass Kinderjockeys im Alter von vier bis sechs Jahren bei Kamelrennen diese Aufgabe wahrnahmen. So konnte Gewicht gespart und dadurch möglichst schnelle Zeiten erzielt werden. Die Kinder stammten meist aus den Elendsvierteln Indiens, Pakistans, Bangladeschs oder Sri Lankas und waren ihren Eltern oft für gerade mal 20 US-Dollar abgekauft worden. Schätzungen gehen davon aus, dass zeitweise bis zu 40.000 dieser Kinderjockeys in den Golfstaaten tätig waren. Die Arbeitsbedingungen der Kinder, die oft unter sklavenähnlichen Bedingungen gehalten wurden, waren katastrophal: So führte das stundenlange Sitzen im Sattel bei einigen Kinderjockeys zu massiven Wirbelsäulenschäden. Dazu mussten die Kinder strenge Diät halten, um nicht an Gewicht zuzulegen, und oft kam es auch bei den Rennen selbst zu schwereren Verletzungen und sogar zu Todesfällen. 2005 wurden die Proteste der Menschenrechtsorganisationen und der Druck der Weltöffentlichkeit derart groß, dass sich die Scheichs genötigt sahen, per Gesetz das Mindestalter für Kameljockeys auf 18 Jahre festzulegen und Zuwiderhandlungen mit Haft- und Geldstrafen zu ahnden.

Aber wer sollte jetzt die Rennkamele reiten? Da Erwachsene wegen ihres Gewichts nicht in Frage kamen, beauftragten die Scheichs eine Schweizer Firma, einen künstlichen Reiter, eine Art „Robo-Jockey“, zu entwickeln. Bereits im gleichen Jahr kam „K-Mel“ auf den Markt: ein 70 cm großer und 25 kg schwer funkgesteuerter Roboter, dessen Arm mit einer Peitsche ausgestattet war, mit der er sein Reittier antreiben konnte. Allerdings kamen die traditionell allem Neuen nur wenig aufgeschlossenen Kamele mit den Robotern zunächst überhaupt nicht zurecht. Zu groß war die Furcht vor dem seltsamen Kasten, den man ihnen da auf den Rücken geschnallt hatte. Erst als man die künstlichen Jockeys durch Trikots, Kappen und Sonnenbrillen etwas menschlicher gestaltete und obendrein auch noch mit Parfüm einsprühte, verloren die Wüstenschiffe die Angst vor ihren neuen Reitern.

Die ersten Roboter waren noch sehr teuer. Für „K-Mel“ musste man rund 15.000 US-Dollar auf den Tisch blättern. Heute sind sie wesentlich preiswerter. Ein guter Roboter kostet weniger als 1000 Dollar und ist seinen Vorgängern auch technisch weit überlegen. Heutzutage ist der künstliche Jockey nicht nur mit GPS ausgestattet, sondern kann Herzschlag und Geschwindigkeit seines Reittiers messen und überträgt obendrein über einen kleinen Lautsprecher die Stimme seines Besitzers bzw. Trainers. Zudem ist er mit rund acht kg Gewicht nur noch etwa halb so schwer wie die ersten Modelle.

Die Trainer fahren in Geländewagen neben den rennenden Kamelen her und steuern per Fernbedienung über Funk den Roboter. So können sie über einen Funkbefehl die Anzahl der Peitschenhiebe erhöhen. Übrigens: Auch wenn es bei den Kamelrennen in erster Linie um Ruhm und Ehre geht, winken dem Gewinner oft exorbitante Siegesprämien. Das reicht vom massiv goldenen Schwert über eine Limousine der Luxusklasse bis hin zu einer Nobelvilla mit allen Schikanen.

Dr. Mario Ludwig ist Biologe und einer der bekanntesten Tierbuchautoren Deutschlands. Er schreibt an dieser Stelle über Phänomene in der Tierwelt.